Sessionbericht: Anspruchsvolle EPUB-E-Books selber machen (Fabian Kern)

Unsere Sessionpaten haben in den Tagen nach dem eBookCamp fleißig in die Tasten gehauen, um die Themen für alle Teilnehmer und Interessierten zusammenzufassen. Vielen, vielen Dank dafür! Die Berichte veröffentlichen wir nacheinander in den kommenden Tagen.

Anspruchsvolle EPUB-E-Books selber machen – ein Werkstattbericht

Sessionleiter: Fabian Kern

Text: Lucas Lüdemann

Fabian berichtete von einem Referenzprojekt, das er zusammen mit Ursula Welsch umgesetzt hat. Ziel war, ein reich bebildertes Sachbuch als EPUB-E-Book umzusetzen. Das Projekt sollte beispielhaft zeigen, wie man inhaltlich komplexe Printinhalte im E-Book umsetzen kann, mit welchen Schwierigkeiten man zu tun hat, und welche Möglichkeiten man dabei ausschöpfen kann.

Als Projekt sollte ein Buchinhalt dienen, für den Ursula Welsch die Rechte besitzt: Lou Andreas-Salomé. Eine Bildbiographie. Der Vorteil bei diesem Content war, dass die Rechtelage der Texte und Bilder bereits komplett geklärt war und damit keine zusätzlichen Umwege oder inhaltlichen Anpassungen nötig waren.

Entscheidung

Fabian und Ursula haben sich dafür entschieden, das Buch als reflowable EPUB umzusetzen, und zwar zunächst als einfaches EPUB, welches eine möglichst breite Geräteunterstützung erlaubt. In einem zweiten Schritt soll das EPUB auch mit multimedialen und interaktiven Elementen angereichert werden, also ein sogenanntes enhanced E-Book erstellt werden.

Aber zunächst zur einfachen EPUB-Variante. Das Beispielprojekt ist insofern etwas Besonderes und interessant für Verlage, als gemeinhin die Auffassung herrscht, dass Bücher mit aufwändigem Layout und zahlreichen Bildern nur im Fixed Layout umzusetzen sind.

Exkurs: Fixed-Layout-EPUBs stellen ihren Inhalt in feststehendem Seitenlayout dar. Jede Seite kann eins zu eins wie im gedruckten Buch dargestellt werden. Das Fixed-Layout-EPUB besitzt eine feste Paginierung. Im Unterschied dazu besitzt das reflowable EPUB keine feste Seitenstruktur. Die typografischen Einstellungen (wie z. B. Schriftart und -größe) werden vom Leser/Gerät definiert. Die Buchseiten werden vom Gerät während des Blättervorgangs gerendert, der Zeilenfall ist vom Gerät und von der Lese-Software abhängig. Der Vorteil des reflowable EPUBs liegt in seiner Flexibilität. Während die Seiten eines Fixed-Layout-EPUBs feststehende Pixelgrößen besitzen und damit u. U. auf kleinen Bildschirmen kaum lesbar sind, passen sich reflowable EPUBs dynamisch an die Bildschirmmaße an. Damit lässt sich ein Print-Layout nicht eins zu eins umsetzen und eine Lesestruktur, die auf einem Doppelseiten-Layout basiert, lässt sich ebenfalls nicht realisieren.

Fabian und Ursula haben sich bewusst gegen ein Fixed-Layout-EPUB entschieden. Der Grund dafür: Zum einen wird das Fixed Layout nur von einer kleinen Gerätegruppe unterstützt, was die Zielgruppe, die durch das spezielle Thema ohnehin recht klein ist, weiter eingeschränkt hätte. Zum anderen hält Fabian das Fixed Layout für eine technologische Sackgasse. Die Einschränkung auf ein bestimmtes Medienformat (feste Pixelgröße) wird nicht die Lösung der Zukunft sein. Fixed Layout ist also eine „Brückentechnologie“.

Bei der Umsetzung des reflowable EPUBs sollten alle Möglichkeiten des Formats ausgereizt werden. Hier stellen sich aber ebenfalls Fragen nach der Kompatibilität. Würde man z. B. die technischen Möglichkeiten des EPUB-3-Standards voll ausnutzen, müsste man wieder mit dem Problem einer eingeschränkten Gerätegruppe umgehen. Wählte man ausschließlich den EPUB-2-Standard, um das E-Book auf allen EPUB-tauglichen Geräten gleichermaßen gut darzustellen, wäre man in seinen Möglichkeiten arg eingeschränkt. Die Lösung bestand darin, eine EPUB-Variante umzusetzen, die nach dem Prinzip der „graceful degradation“ funktioniert. Darin werden all die technischen Möglichkeiten des EPUB-2-Standards umgesetzt, die auf einigen Lesegeräten eine optimale Darstellung erlauben, auf allen anderen Geräten aber trotzdem lesbar bleiben. Und im Idealfall so ordentlich, dass es einem Leser (ohne direkten Vergleich) gar nicht auffällt, dass ihm etwas entgeht. Die EPUB-3-Variante wird in einem zweiten Schritt als eigene Datei-Version erstellt und separat angeboten.

Arbeitsweise

Da die Text-Daten als Worddateien vorlagen, lag ein Workflow Word-to-HTML nahe. Hierfür muss die Worddatei sauber strukturiert sein, d. h. mit Absatz- und Zeichenvorlagen ausgezeichnete Texte enthalten. Aus Word (Version 2007 und jünger) muss dann im Format „Als Webseite, gefiltert“ abgespeichert werden. Das daraus entstehende HTML-Dokument ist leider noch nicht so sauber, dass man es unbearbeitet für ein EPUB nutzen kann. In der Tat ist die Bereinigung noch mit einigem Aufwand verbunden und nicht ideal. Fabian würde dies beim nächsten Mal anders machen und empfiehlt lieber den Weg über OpenOffice.

Nach der Bereinigung des HTML-Dokuments (am einfachsten mit einem professionellen Werkzeug wie XML Spy o. Ä.), wurde das EPUB mit Hilfe des kostenlosen Programms Sigil aufgebaut, das Fabian sehr gut gefällt. Damit lassen sich EPUB-Dateien aufbauen, editieren, korrigieren.

Exkurs: Ein EPUB ist eine Container-Datei, in der Buchinhalte und Buchdefinitionen in einer Ordnerstruktur abgelegt sind. Jede (nicht kopiergeschützte) EPUB-Datei kann mittels Änderung der Datei-Endung in „.zip“ entpackt werden. Darin befindet sich eine Mimetype-Datei, die den Container als EPUB definiert, ein Ordner „Meta-inf“, der eine Datei enthält, die u. a. auf den Pfad der .opf-Datei verweist, sowie ein Ordner „OEBPS“, der alle wesentlichen Inhalts- und XML-Steuerungsdateien enthält, u. a. besagte .opf-Datei. Die .opf-Datei (meist als content.opf oder package.opf abgespeichert) enthält fast alle wichtigen Definitionen für das EPUB, z. B. die EPUB-Version (2 oder 3), die Metadaten mit Information über Autor, Verlag, ISBN etc., eine Auflistung aller im Container befindlichen Inhaltsdateien sowie die Reihenfolge, in der sie angezeigt werden sollen, und noch einiges mehr. Die Text-Inhalte werden in HTML-Dateien erfasst, die Darstellungsweise der Texte mittels einer eigenen CSS-Datei gesteuert. Etwaige Bilder und Schrift-Fonts, Video- oder Audio-Dateien liegen ebenfalls im OEBPS-Ordner. EPUB 2 basiert im Wesentlichen auf HTML 4, EPUB 3 im Wesentlichen auf HTML 5.

Das Besondere von Sigil ist, dass es die Ordner-Struktur mit ihren internen Verweisen und Verlinkungen automatisch erstellt. Verändert man irgendetwas in Sigil, kann man immer sicher sein, dass das Programm ein valides und sauber strukturiertes EPUB daraus macht. Das Programm enthält darüber hinaus den offiziellen EPUB-Checker, ist mit dem W3C-CSS-Validator verknüpft und bietet eine automatische Bereinigung der CSS-Datei sowie des Bild-Ordners. Den Komfort muss man allerdings mit einer gewissen Unflexibilität bezahlen. Sigil unterstützt ausschließlich den Standard EPUB 2. Möchte man also Funktionalitäten des EPUB-3-Standards in sein EPUB integrieren, muss man dies nachträglich umsetzen und die Datei danach nicht mehr in Sigil öffnen. Sigil überschreibt nämlich diese Änderungen und löscht eigenmächtig alles, was nicht in sein „Verständnis“ eines validen EPUBs passt. Darüber hinaus legt Sigil seine eigene Ordnerstruktur an, die im Falle einer weiterführenden Nutzung der EPUB-Daten möglicherweise Probleme bereitet. Ist man sich dieser Einschränkungen bewusst, ist Sigil aber ein sehr hilfreiches und zeitsparendes Tool. Denn die manuelle Bearbeitung von EPUBs ist extrem fehleranfällig. Jede Veränderung in einer Datei zieht u. U. Konsequenzen in anderen Dateien des Containers nach sich (z. B. content.opf), die nachzuverfolgen sehr aufwändig ist.

Fabian Kern: Anspruchsvolle EPUB-E-Books selber machen, Session beim eBookCamp 2013Konzeption und Umsetzung des E-Books

Das E-Book sollte den Charakter des Buches aufgreifen, die Möglichkeiten (und Einschränkungen) des neuen Mediums aber berücksichtigen und optimal umsetzen. Das Layout des gedruckten Buches enthält zahlreiche Bilder, die aus dem Nachlassarchiv der Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé stammen, sowie Originalfotos aus den Jahren um 1900. Für die Umsetzung des E-Books als reflowable EPUB musste auf das Doppelseitenprinzip des gedruckten Layouts verzichtet werden. Typografisch und hinsichtlich der inhaltlichen Bestandteile wurde die Struktur des gedruckten Buches beibehalten. Da es sich anbot, konnten weitere Inhalte dem E-Book beigefügt werden, z. B. Beschreibungen und Leseproben der Werke der Autorin, im Wesentlichen Inhalte, die mithilfe von Verlinkungen oder Pop-up-Fußnoten leicht aus dem Lesefluss des Haupttextes erreichbar sind. Hier konnte das neue Medium seine Stärken in der Verästelung von Inhalten zeigen. Der ursprünglich von Fabian angedachte komplette Umbau der Leselinien wurde verworfen, da dieser keine praktikable Leseführung erlaubte.

So entstand ein Content-Netz, das auch bidirektionale Verlinkung (also Hin- und Rückverlinkung) enthielt und damit einen Leseflussmit Nebenwegen erlaubt.

Was die Typographie angeht, wurde mit CSS aus dem Vollen geschöpft. Textkästen mit Hintergrundfarbe und farbigem Text, sowie Links, die je nach Typologie automatisch mit Hilfe von CSS ein bestimmtes Icon vorangestellt bekamen (das Icon wurde als Bild und nicht als Font-Icon integriert, damit es im Falle einer Änderung der Schrifttype durch den Leser nicht durch ein Kästchen-Symbol oder Fragezeichen oder Ähnliches ersetzt wird). In diesem Fall wird auch das Prinzip der „graceful degradation“ deutlich. Das Icon wird nur von Lesesoftwares angezeigt, die den entsprechenden CSS-Befehl unterstützen, also im Wesentlichen iBooks. Andere Geräte ignorieren schlicht diese CSS-Regel und stellen den Link ohne Icon dar (wer nicht weiß, dass er das Icon sehen könnte, wird nichts vermissen).

Das Inhaltsverzeichnis gestaltete Fabian grafisch, indem er Bilder und Texte in eine Tabelle einfügte. Für die Bilder innerhalb des Textes legte Fabian keine Größendefinition fest, sondern konvertierte diese im Vorfeld auf die gewünschte Größe, sodass sie auf dem iPad die gewünschte Breite einnahmen. Auf einem kleineren Bildschirm würden die Bilder dann entsprechend größer oder kleiner dargestellt werden. Die Umsetzung mit prozentualer Größenfestlegung (also z. B. durch Eingabe der Breite width = „50%“) hätte den Nachteil gehabt, dass sie auf verschiedenen Geräten unterschiedlich interpretiert wird.

Zeitfaktor

Ich konnte es kaum glauben, aber Fabian teilte uns mit, dass Ursula und er für die Umsetzung des EPUBs insgesamt nur jeweils einen Tag Arbeit benötigt haben. Dies sei allerdings nur deshalb möglich gewesen, weil sie beide langjährige „XML-Native-Speaker“ seien und sehr genau gewusst hätten, wie sie was umsetzen wollten.

In zukünftigen Projekten würde Fabian einen Word-to-HTML-Workflow nicht wiederholen wollen und lieber mit OpenOffice statt mit MS Word arbeiten. Ein Workflow Word-to-XML würde sich nur lohnen, wenn man damit mehrere Titel in einer Reihe veröffentlichen will, da allein das Aufsetzender XML-Datei und der nachfolgend notwendigen Konvertierung ca. zwei Tage in Anspruch nehme.

Ausblick auf die Multimedia-Version

In einer zweiten Phase des Projekts soll in absehbarer Zeit eine EPUB-3-Variante des E-Books entstehen. Hierfür sollen u. a. Multimedia-Elemente eingebettet werden. Die EPUB-3-Variante wird ausschließlich für Apple iBooks umgesetzt werden. Andere Geräte unterstützen diesen Standard noch nicht.

Außerdem möchte Fabian ausprobieren, ob er in EPUB 3 eine Google-Karte einbetten kann. Noch wisse er nicht, ob dies technisch möglich sei, d. h. vor allem, ob dies die Lesegeräte unterstützten. Ich bin sehr gespannt und drücke die Daumen, dass das klappt. Es wäre eine Pionierleistung!

Weitere Infos zum Projekt findet Ihr in der Präsentation von Fabian Kern, die er auf Slideshare veröffentlicht hat.


2 Kommentare on “Sessionbericht: Anspruchsvolle EPUB-E-Books selber machen (Fabian Kern)”

  1. […] 7. Fabian Kern Anspruchsvolle EPUB-E-Books selber machen Fabian Kern (digital publishing competence) zeigte in seinem Werkstattbericht, wie er einen Bildband als EPUB2- und EPUB3-E-Book umgesetzt hat. Mehr über Fabian Kern > Zum Sessionbericht von Lucas Lüdemann > […]

  2. […] hat sich für diesen Vortrag freundlicherweise als Session-Pate zur Verfügung gestellt und einen exzellenten Artikel dazu für den Blog des eBookCamp verfasst, auf den ich hiermit gerne verweisen möchte. Auch die […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s