Sessionbericht: Kleine Theorie des 360°-Online-Marketings

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer fleißigen Sessionpaten.

Sebastian Posth: Kleine Theorie des 360°-Online-Marketings

von Daniel Bräuer

In seiner Session befasste sich Sebastian Posth mit Online-Marketing für Bücher. Allerdings nicht primär für eBooks, sondern generell, denn es lässt sich nur schwer trennen. Ursprünglich hatte die Session den Titel „360°-Marketing“, was er in „Kleine Theorie des Online-Marketings“ änderte, da die „360°“ im Marketingsprech derzeit eine gewisse Inflation erlebt.

Er begann mit einer kurzen Einführung zur Situation das Buchmarktes, insbesondere des Marketings. So konzentriert sich das Marketing zu großen Teilen auf Handelsmarketing, weil die Verlage ihre Bücher nicht (oder kaum) direkt an die Leser verkaufen, sondern die Buchhändler ihre direkten Kunden sind. Im stationären Handel ist es daher das Ziel, auf die Büchertische zu kommen. Wie aber sehen die digitalen Büchertische aus? Online ist das Ziel, auf den Startseiten der relevanten Shops, deren Genre-Listen platziert, in Newslettern oder anderen Promo-Aktionen der Shops hervorgehoben zu werden. Darüber hinaus bieten die verschiedenen Social-Media-Kanäle den Verlagen natürlich auch reichlich Möglichkeiten, direkt mit ihren Lesern in Kontakt zu treten. Diese Möglichkeiten werden sehr unterschiedlich genutzt. Demnach auch die Frage: Kennen Verlage die Leser ihrer Bücher? Man könnte auch fragen, wie gut sie sie kennen. Dieser Punkt kam auch in der folgenden Diskussion zur Sprache, dass eigentlich kaum professionell Daten gesammelt oder ausgewertet würden. Oder welche Verlage beschäftigen Datenanalysten?

Bevor die Diskussion in der großen Runde begann, stellte Sebastian noch seine „Kleine Theorie des Online-Marketings“ vor, die er auf Papier an alle Teilnehmer austeilte – ja, Ladies and Gentlemen, auf dem eBookCamp wurde Content auf totem Holz verteilt. Auch wenn er uns weismachen wollte, es sei extra für uns im Matrizendruckverfahren hergestellt worden, waren es doch wohl eher profane Digitaldrucke. :)

Bewusst plakativ in Manier einschlägiger Managementliteratur skizzierte er sein Marketingmodell (Handout) mit einer Marketing-Pipeline aus den vier Stufen Information, Traktion, Anreiz und Kontext, denen er vier Kategorien des Online-Marketings gegenübergestellte. Die Pipeline verdeutlicht hier vor allem verschiedene Stadien von Zielen, z. B. soll der Leser in der Lage sein, einen Titel zu entdecken, die Kategorien verschiedene Möglichkeiten, diese zu erreichen. Ziel dieser Aufstellung war weniger ein allumfassendes „so ist es“ in den Raum zu stellen, sondern eine Diskussionsgrundlage, ob und wie man Marketingaktivitäten ordnen und besser planen kann, um die verschiedenen Aspekte abzudecken.

Daraufhin entwickelte sich auch eine sehr intensive und spannende Diskussion, die es fast unmöglich machte, noch nebenher zu twittern, ohne etwas zu verpassen. Die Standpunkte gingen auch durchaus auseinander, von dem, dass das einzig wirklich Effektive das Handelsmarketing sei, zu dem, dass man damit viel Potential verschenke und sich von den großen Shops abhängiger mache, als man es ohnehin ist. Verschiedene TeilnehmerInnen berichteten auch, dass sie es bereits mehr oder weniger so praktizierten wie Sebastian es skizzierte, also das jeweils zur eigenen Zielgruppe oder den Titeln passende machten. Natürlich kann man nicht immer alles, darum ginge es auch nicht. An dieser Stelle fiel das schöne Zitat: „Nachhaltig heißt auch Selektieren“, das für mich das perfekte Fazit darstellt. Man sollte sich ein Muster, oder eben eine Pipeline, aus verschiedenen Anlässen und Aktivitäten zurechtlegen, das auf das eigene Programm passt, und sich dann bei den einzelnen Titeln daraus bedienen. Natürlich muss auch dieses Muster immer wieder überarbeitet werden, aber wenigstens hat man etwas, woran man sich im Alltag orientieren kann, um den Weg zum Leser zu finden.

Um Sebastians Abschlusssatz nicht unter den Tisch fallen zu lassen: „Der Post(h) wird sie finden.“

Sebastian Posth

Ungefähr so – Sebastian Posth erläutert seine Theorie des Online-Marketings, (c) Felix Wolf

 


Wir sagen DANKE an CHRIS CAMPE

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E-Reader-Installation „We are electrified“ (c) Chris Campe

Chris

Chris Campe

Chris Campe ist alles Mögliche: sie studierte Kommunikationsdesign in Hamburg und Visual Studies in Chicago, außerdem war sie als Buchhändlerin und als Dozentin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg tätig, wo sie auch studierte. Ihre Themen sind Typografie, Handlettering und Gender. Diverse Ausstellungen gehen auf ihr Konto, und Bücher: zum Beispiel TollerOrt und das Hamburg-Alphabet. Fehlt etwas in der Auflistung? Bestimmt! Die niemals ruhende Chris Campe mit einem gewissen Hang zum Seriellen überrascht stets mit neuen Projekten.

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Ausschnitt aus der Installation „We are electrified“ (c) Chris Campe

Für das eBookCamp 2014 hat sie ihre großartige Idee für eine Installation mit E-Readern verwirklicht. Zwanzig E-Reader – gestellt von ebook.de – sind zu einem Kunstwerk geworden. Jeden Buchstaben des eBookCamp-Slogans „We are electrified“ hat Chris Campe einzeln illustriert und auf je einen E-Reader geladen. Die E’s waren sogar animiert. Wir danken Chris für diese brillante Idee, die zur Abrundung des eBookCamps beigetragen hat und eine schöne Bühnenkulisse für die Sessionleiter bildete. Wir sind immer noch ganz elektrisiert von Chris Campes Elan, der sie innerhalb kürzester Zeit einen nie da gewesenen Hingucker kreieren ließ!


Wir sagen DANKE an LOCKENGELÖT

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Übergabe der Schlüsselromane an die Sessionpaten

Es gibt Bücher, die sind gelesen worden, verschenkt, weitergereicht und abgegeben worden. Sie haben vermeintlich ausgedient. Das kann man aber auch ganz anders sehen. Der Inhalt eines Buches mag nicht mehr zeitgemäß sein und findet vielleicht keine neuen Leser mehr. Aber die äußere Erscheinung weckt immer noch Erinnerungen oder Assoziationen beim Betrachter, strahlt Ruhe aus oder weist einen bestimmten Charakter auf. Das wird zumindest bei Lockengelöt so gesehen.

logoLockengelöt – das sind Dennis Schnelting, Carsten Trill und Michael Braak. Sie haben sich seit 2004 Redesign und Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen auf die Fahnen geschrieben. Und das in einer Weise, die bestechend einleuchtend ist. Die besagten Bücher zum Beispiel werden mittels vier Haken fest vernietet und so zu Schlüsselbrettern und Garderoben, aus Kickerfiguren werden Flaschenöffner und aus Ölfässern werden Möbel. Zu bestaunen und erwerben sind die handgefertigten Produkte der Gelötmanufaktur in der Marktstraße 119.
Schlüsselroman - Handgefertigtes aus alten BücernWir danken Lockengelöt für die Unterstützung des eBookCamps 2014! Dank euch konnten wir unsere Sessionleiter und Sessionpaten mit einem ganz besonders passendem Präsent verabschieden: Einem Schlüsselroman, der zeigt, dass es neben dem E-Book auch ganz andere, praktische Verwertungsformen für Bücher gibt!


Sessionbericht: E-Books für Sehbehinderte

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Heinz Mehrlich: E-Books für Sehbehinderte

von Jördis B. Schulz

In dieser Session gab es einiges an politischen und rechtlichen Informationen und Angaben zu Institutionen, was zu viel gewesen wäre hier zu notieren. Dies kann man in der ggf. freigegebenen Präsentation nachlesen. Hier sei nur erwähnt, dass rechtlich für die Betroffenen die UN-Behindertenrechtskonventionen gelten und dass ein EU Accessibility Act in Planung ist.

Wichtig ist, dass es 1.5 Millionen Sehbehinderte gibt, deren Behinderungen bzw. Beeinträchtigungen derartig unterschiedlich sind, dass es schwierig ist, einen eindeutigen Lösungsansatz vorzugeben, da die Probleme des Lesens zu vielschichtig sind.

Interessant fand ich, dass E-Reader mit dem E-Ink-Display gar keine Rolle im Sehbehindertenbereich spielen. Die Kontraste und die Möglichkeiten sind zu gering. Wobei es eine Ausnahme gibt: den Pocketbook Touch Lux, der eine Vorlesefunktion beinhaltet, die bei einer normalen Alterssehbehinderung sehr hilfreich sein kann.

Heinz Mehrlich

Heinz Mehrlich zeigt bei seiner Sessionvorstellung, worum’s geht, © Ute Nöth

Dennoch sind die E-Reader eher eine Randbemerkung in der Session. Vielmehr geht es um die Funktionen von Apps und E-Books, die über Apps gelesen werden können. Es geht um Blickführung, Kontraste, Trennungsfehler und Blocksatz. Wer schon mal ein E-Book gelesen hat, dem sind auch falsche Trennungen aufgefallen oder ganze Absätze, die in Blocksatz sind und beim Vergrößern der Schrift zu unschönen Löchern im Text führen. Für einen „normal“ Sehenden ist es eine kleine Auffälligkeit, die ärgerlich ist aber nicht weiter stört. Für einen Menschen mit Sehbehinderungen können diese falschen Trennungen oder große Löcher im Text dazu führen, dass er dieses Buch nicht mehr lesen kann.

Was mir in dieser Session ganz stark bewusst wurde, ist, dass es gerade durchs E-Book eigentlich ein Medium gibt, welches ohne große, teure Hilfsmittel einen Beitrag dazu leisten sollte, dass Bücher grundsätzlich von jedem gelesen werden können; dass aber durch Kleinigkeiten die o. g. 1.5 Millionen Betroffenen doch davon ausgeschlossen werden.

Nicht immer kann der Hersteller dafür sorgen, dass ein E-Book für jeden zu lesen ist. Dafür müssten für alle Eventualitäten und auf allen vorhandenen Lesegeräten sehr aufwändige Tests gefahren werden, was einfach unrealistisch ist. Teilweise kann der Hersteller auch nicht beeinflussen, wie eine bestimmte Handhabung des Users mit dem jeweiligen Endgerät sich auf sein Produkt (das E-Book) auswirkt.

Dennoch gibt es Ansätze, die man verfolgen kann und die es sich lohnt zu verfolgen. Z. B. gibt es eine Leseapp für Lesebehinderte, die als Grundlage für eine gute Funktionsweise dienen kann. Kann dort ein E-Book gut gelesen werden, kann von Seiten des Verlages bei Anfragen darauf verwiesen werden. Diese App funktioniert aber nur für Bücher ohne DRM. DRM ist für Sehbehinderte somit diskriminierend. Während hingegen ein Wasserzeichen in der App funktioniert.

Weitere Probleme für Lesebehinderte sind z. B.:

  • Zu viele Schriften – wenn die Schriften in der Art wechseln und ein unruhiges Schriftbild entsteht, kann der Lesebehinderte die Informationen nicht mehr aufnehmen.
  • Farbumwandlungen – wenn bei dem Wechsel auf andere Farben z. B. die Kontraste nicht mehr stimmen. Denn die Größe der Schrift ist ggf. zweitrangig – auf den Kontrast kommt es an.
  • Falsche Umbrüche – führen dazu, dass der Lesefluss nicht funktioniert.
  • Große weiße Flächen – blenden den Sehbehinderten und er findet ggf. den nächsten Satz nicht mehr.

Lösungsansätze sind:

  • Skalierbare Schriften
  • Feine Abstufungen in den Schriften
  • Konzentration auf den Informationswert der Bücher als auf das Design
  • Gut lesbare Schriftarten
  • Besondere Eignung nach DIN 1450

Den Leitspruch von Heinz habe ich mir gemerkt: Sehbehinderte sind nicht blind – Sehbehinderte wollen sehen und lesen. Schließen wir 1.5 Millionen Leser nicht von unseren schönen Büchern aus!


Sessionbericht: Wattpad

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Anne Tente: Wattpad – Das wollen die Leser?

von Mita Banerjee

Anne Tente

Anne Tente voll in Fahrt beim Thema Wattpad, © Felix Wolf

Wattpad ist eine Writing Community, in der User ihre Texte veröffentlichen bzw. die Werke anderer User lesen können. Als belletristischer Verlag kommt man an Wattpad nicht vorbei. Verlage müssen die Funktion und den Erfolg der Plattform beobachten und sich am besten sogar involvieren. Zur Autorenakquise, Beobachtung von Trendthemen bei Lesern oder dem Leseverhalten allgemein ist Wattpad eine gute Quelle. Wattpad ist ein junges Phänomen. Es ist 2006 gestartet und ist in den USA und Kanada sehr erfolgreich. Großbritannien und die Philippinen haben außerdem große Nutzerzahlen. Seit 2013 verzeichnet Wattpad auch in Deutschland Erfolg. Im Schnitt hat die Plattform 3 Millionen Nutzer im Monat und diese sind zu 85 % unter 25 Jahre alt und zu 60 % weiblich. Auf quantcast.com kann man Userzahlen nachschlagen. Das Nutzen der Plattform ist umsonst und Lesen und Schreiben ist sehr seriell. Autoren starten meist ein Projekt, indem sie ein Kapitel zunächst hochladen. Leser reagieren durch Aufrufe und (ganz wichtig) Kommentare. Sie motivieren den Autor, geben Tipps oder äußern Wünsche und wirken so auf den Schreibprozess ein. Der Grundton in der Community bleibt dabei nett und freundlich. 90 % der User sind Leser und 10 % Autoren.

Also ist die Mehrheit zwar Publikum, aber anders als bei traditioneller Unterhaltungslektüre hat dieses Publikum Macht über das Gelesene. Die Leser machen unmittelbar den Erfolg eines Titels aus. Der Erfolg eines jeden neuen Textabschnitts zeigt sich in drei Zahlen: „Lektüren“ (wie oft wurde ein Text aufgerufen/gelesen), „Abstimmungen“ und „Kommentare“. Als Leser wird man benachrichtigt, sobald neue Kapitel hochgeladen werden. Ziel für Autoren ist natürlich, dass Leser mit jedem neuen Kapitel dranbleiben, somit wirken viele Texte tatsächlich sehr seriell. Wattpad arbeitet mit dem Wettbewerbs-Gedanken, denn junge Leute messen sich gerne, lieben Gaming und wollen besser werden. Im Bereich „Clubs“, was eine Art Message Boards/Foren sind, bekommen User Tipps zum Schreiben (wie funktioniert welches Genre) aber auch für’s Self-Marketing, um in der Community erfolgreich zu sein. Zum Teil beantworten Mitarbeiter der Firma Wattpad Fragen, aber meistens antworten erfahrene User. Außerdem geben Wattpad-Mitarbeiter im offiziellen Channel auf Youtube Tutorials (Beispiel auf youtube.com). Natürlich gibt es auch viele Tutorials von erfahrenen und eifrigen Usern. Um als Autor erfolgreich auf Wattpad zu sein, muss man aktiv sein. Man muss in den Clubs posten, Kommentare gegenkommentieren und viel Zeit damit verbringen, seine Leser zu pampern und oft zu einer Art Online-Freund für sie zu werden.

Wattpad ist mobil – und das von Anfang an. Das heißt die Seite bzw. die App ist nicht nur technisch handyfreundlich, sondern auch inhaltlich. Leser können ihre Lektüre häppchenweise lesen. Zum Lesen auf dem Smartphone unterwegs sind solche seriellen, schnell zu lesenden Texte ideal. Viele Autoren schreiben außerdem auch auf ihren Smartphones. Die Produktion von Texten und das Reagieren auf Leserfeedback geschieht unmittelbar. Zum Teil geht dies auf Kosten des Stils und der Orthographie und viele Texte sehen deshalb provisorisch aus. 80 % des Lesens ist mobil und 80 % des Hochladens geschieht ebenfalls mobil.

Die Firma wirbt damit, dass von den ca. 100 Mitarbeitern in ihrer Zentrale in Kanada die meisten bilingual sind. Wattpad arbeitet stark am globalen Erfolg, obwohl beispielsweise einige der deutschen Übersetzungen der Begriffe auf Wattpad noch holprig wirken. Die Mitarbeiter stehen aber z. B. im Kontakt zu deutschen Verlagen. Das Unternehmen wurde finanziert als Joint Venture, u. a. hat Jerry Yang (Yahoo!-Co-Founder) investiert. Wattpad verspricht, eine riesige Writing/Reading-Community zu werden, mit dem Ziel, in einigen Jahren 1 Milliarde User zu haben. Ein großes Statement von Wattpad ist: „Wir geben Menschen Zugang zum geschriebenen Wort“.

Noch gibt es aber keine Gewinne und vor Kurzem wurden Werbebanner auf der Seite freigeschaltet. Außerdem bietet sich Wattpad für Native Advertising an. Beispielsweise gab es von 20th Century Fox zum Kinostart der John-Green-Verfilmung „Das Schicksal ist ein mieser Verräer“ („The Fault in Our Stars“) einen Aufruf für Fanfiction-Stories – also branded stories. Außerdem werden auch manche neuen Buchtitel (als promoted Content) mit Leseproben auf Wattpad beworben. Des weiteren wurden bisher aus zwei Wattpad-Werken Ebooks zum Verkauf herausgebracht.

Will Wattpad also ein Verlag sein? Wattpad ist bereits eine literarische Agentur, die mit erfolgreichen Wattpad-Werken an traditionelle Buchverlage herangeht, um diese dort zu platzieren und Prämien zu erhalten. Autoren behalten aber beim Hochladen ihrer Texte die Rechte daran. Zum einen steigert das die Attraktivität der Plattform und zum anderen muss Wattpad sich bei z. B. Urheberstreitereien nicht verantworten. Beispielsweise kommen Piraterie-Ebooks auf Wattpad vor. Wattpad vermittelt außerdem die Verfilmungsrechte seiner Werke. Auf den Philippinen sind zur Zeit 30 Film- und TV-Produktionen in Arbeit. Ein Blick in die Genreliste auf Wattpad zeigt, dass der Inhalt auf der Plattform sehr dem Vollprogramm eines Publikumsverlags ähnelt. Es fällt auf, dass Leser und Autoren scheinbar gern im gängigen Mainstream bleiben und wenig Neues probieren. In einem Spiegel-Artikel über Wattpad wird eine Autorin zitiert, die Wattpad deshalb lobt, weil an ihren Texten hier nicht seitens Dritter (Verlag) reingefummelt wird. Interessant sind die beiden Extra-Genres „Vampirgeschichten“ und „Werwolf“. So spezifisch sind diese beiden Subgenres von Fantasy nicht im Buchhandel gekennzeichnet. Im Vergleich zu deutschen Publikumsverlagen sind auf Wattpad weniger Spannung und Krimi erfolgreich, sondern stattdessen Romance und Fantasy. Interessant ist auch, dass es Wattpad-Autoren (auch wenn ihre Texte vielleicht provisorisch aussehen) leicht fällt, in ihren Genres zu schreiben und die richtigen Zutaten und Schlagworte in Teasern zu benutzen. Inhaltlich schränkt Wattpad seinen Content ein. „Menschenverachtende Inhalte“ sind nicht zugelassen.

Das wichtigste Genre auf Wattpad ist eines, welches von Buchverlagen praktisch überhaupt nicht bedient wird, nämlich Fanfiction. Fanfiction sind zum einen Geschichten, die auf Bücher, Filme oder TV-Serien basieren, und zum anderen Geschichten über Prominente – wie beliebte Popstars, Schauspieler, Athleten etc. Der Reiz vom Schreiben und Lesen von Fanfiction besteht darin, dass die Charaktere bereits eingeführt sind und man direkt mit dem Plot beginnen kann, ohne sich lange mit den Figuren befassen zu müssen. Fanfiction über beliebte Stars hat automatisch ein großes Erfolgspotenzial, da viele Fans Fanfiction lieben. Die Stars belangen die schreibenden Fans nicht, solange damit kein Geld verdient wird. Buchverlage können keine Fanfiction-Romane veröffentlichen, wenn konkrete Namen von Prominenten oder fiktiven Werken (Beispiel „Twilight“) explizit vorkommen. Eine Ausnahme ist aber z. B. die Wattpad-Userin „imaginator1d“ (Autorenname: Anna Todd). Anna Todd ist 24 und fing vor 2 Jahren an, auf Wattpad zu schreiben. Sie ist eine der aktivsten Userinnen gewesen, die sich 8 Stunden am Tag mit der Plattform beschäftigte (5 Stunden davon mit Schreiben und 3 mit dem Pampern ihrer Leser). Anna Todd schreibt über den One-Direction-Sänger Harry Styles, der in ihrer Reihe „After“ mit der Figur Tessa zusammenkommt. Die Reihe ist so erfolgreich auf Wattpad, dass Fans den Hashtag-Kosenamen #Hessa erfanden und es inzwischen Fanfiction zu „After“ gibt. Außerdem wurden Übersetzungen in verschiedenen Sprachen von Fans gemacht. Nun ist die Adelung einer jeden Autorin erfolgt: „After“ erscheint als Buch (USA: Simon & Shuster, Deutschland: Heyne Taschenbuch). Die Figur Harry Styles heißt in den Büchern anders, beworben wird der Titel durch den Verlag aber als „Harry-Styles-Fanfiction“ und weiterhin soll die Original-Fanfiction kostenfrei auf Wattpad bereitstehen. Werden Verlage in Zukunft immer mehr zu Zweitverwertern von bereits etablierten Büchern? Und lohnt es sich für einen Verlag, das Buch zu veröffentlichen, wenn es doch kostenlos zum Lesen bereitsteht? Zielgruppe sind Fans, die „After“ bereits kennen und natürlich neue Leser.

Wattpad selbst hofft darauf, noch bekannter zu werden. Momentan gibt es neue Kooperationen von Verlagen auf Wattpad (z. B. einen Schreibwettbewerb von Piper). Außerdem wurde Wattpad als Trendlabor u. a. für neobooks von Droemer Knaur genutzt. Wattpad ist momentan vor allem Konkurrenz für andere Plattformen, die sich auch auf selbstverlegerische Tätigkeiten spezialisiert haben (z. B. Amazons Kindle Direct Publishing).

Zum Schluss drei Fragen, die aus zeitlichen Gründen nicht detailliert diskutiert werden konnten: Werden Leser noch für Content bezahlen? Wattpad bietet seinen Lesern unendlich und kostenfrei Lesestoff. Werden Verlage immer weniger wertgeschätzt, sondern nur als störender Mittelsmann empfunden? Als Autor bei Wattpad ist der Kontakt zu Lesern unmittelbar. Ist die Zukunft nur mobil?


Sessionbericht: Restful Webservices

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer fleißigen Sessionpaten.

Michael Schneider: REST – Restful Webservices und die Zukunft des digitalen Publizierens

von Steffen Meier (http://meier-meint.de)

Auf dem diesjährigen ebookCamp in Hamburg gab es auch eine Session, die etwas aus dem Rahmen des Üblichen fiel und sich der Überschneidung zwischen Programmierung und Publishing widmete, nämlich dem Thema RESTful Services, Schnittstellen und APIs. Michael Schneider vom Börsenverein wusste mit seiner Ankündigung den Nerds (und nicht nur diesen) im Publikum den Mund wässrig zu machen, und es fand sich ein wackeres Trüpplein Neugieriger in seiner Session ein (das trotz Unkens übrigens doch nicht rein männlich besetzt war). Es wurde dann zwar nicht die versprochene „Philosophische Runde mit Rotwein ohne Programmiercode“ – der Rotwein fehlte zu so früher Stunde – aber doch zu einem Ausblick in eine digitale Welt, in der Inhalte nicht nur zu Content, sondern auch zu URIs werden …

Was sind eigentlich RESTful Services?

REST (Abkürzung für REpresentational State Transfer – nur für den Fall, dass der geneigte Leser mal wieder auf einer Party mit gefährlichem Halbwissen glänzen will) bedeutet zunächst einmal schlicht Folgendes: „REST ist eine Abstraktion der Struktur und des Verhaltens des World Wide Web. REST fordert, dass eine Web-Adresse (URI) genau einen Seiteninhalt repräsentiert, und dass ein Web-/REST-Server auf mehrfache Anfragen mit demselben URI auch mit demselben Webseiteninhalt antwortet.“ Soweit die gute alte Wikipedia. Eigentlich handelt es sich dabei also eher um einen Architektur-Stil des Webs, der bestimmte Regeln definiert und dadurch aber einfachen und standardisierten Zugriff auf eine durch eine URI (sozusagen der Schwipschwager der uns vertrauten URL) definierte Quelle zulässt. Übrigens auch im Einsatz bei uns vertrauten Netzwerken wie Facebook und Twitter. Was das alles mit dem Publizieren zu tun hat? Dazu kommen wir gleich, aber davor müssen wir noch einen kleinen Ausflug über die API-Ländereien vornehmen.

Application Programming Interfaces – der Griff in den Datentopf

APIs sind Schnittstellen. Und diese wiederum sind beileibe nichts Exotisches: „Eine Schnittstelle ermöglicht die Kommunikation und Interaktion zwischen zwei Systemen. Nahezu alles in unserer Welt besteht aus Schnittstellen: Stecker und Buchse dienen als Schnittstelle zur Übertragung von Strom, Tastatur und Finger bei der Benutzung eines Computers zur Übertragung von Gedanken in digitale Zeichen.“ (http://www.gruenderszene.de/allgemein/web-apis-ein-nicht-technischer-erklarungsversuch) Meist dienen APIs also dazu, nach einem vorgegebenen Standard resp. einer Architektur wie REST auf Daten zuzugreifen.

War doch gar nicht so schlimm – aber wie war das mit dem Publishing?

Soweit die „Technik“. Philosophisch wird es an dem Punkt, wenn man an die Stelle des Datentopfes etwa die uns vertrauten Buch- oder Zeitungsinhalte setzt. Natürlich kommt zunächst der typische Abwehrreflex im Sinne eines „Meine Inhalte gebe ich doch nicht einfach her“. Aber genau darauf basiert gezielt das Geschäftsmodell vieler Startups, die dann mit Services Geld verdienen (möchten). Und nicht nur Startups. Amazon, der Lord Voldemort der Buchbranche, macht nämlich exakt dies – ein Großteil der Produktdaten bis hin zu den Kundenmeinungen und -besprechungen sind im Rahmen einer offenen API abrufbar. Mit überschaubaren Informatik-Kenntnissen lässt sich daraus ein individueller Shop bauen. Und Amazon profitiert durch Reichweite und Umsatz gleich mit.

Stellt sich die Frage, ob es solche Ansätze auch bei Verlagshäusern gibt. Und das tut es tatsächlich. Das upload-Magazin hat eine verblüffend lange Liste an Verlags-APIs veröffentlicht, von BBC bis ZEIT, von Elsevier bis Springer Science.

Springer etwa hat dabei gleich mehrere Angebote, zum Beispiel Metadaten zu 5 Millionen Online-Dokumenten, eine Bilder-API mit 300.000 Bildern der Datenbank SpringerImages und eine Open Access API mit kompletten Zugriffsmöglichkeiten auf 80.000 Open Access-Artikel.

Während der Session wurde die OpenBook API von HarperCollins eingehender untersucht, die Zugriff auf Autoren- und Metadaten, aber auch komplette Buchinhalte ermöglicht. HarperCollins hatte in diesem Zusammenhang auch einen Wettbewerb unter Entwicklern ausgelobt („Vermutlich wussten sie selbst nicht so genau, was man mit der API machen kann“, meinte Michael Schneider in der Diskussion). Typisch amerikanisch vollmundig sagte damals Nick Perrett, einer der HC-CEOs, dazu: „I recently said at the Futurebook Innovation Workshop ‘books are software now’. This challenge directly connects our authors with entrepreneurial software developers to dream up something different.“ Für den Vergleich von Büchern mit Software bezog er stante pede Prügel durch große Teile der amerikanischen Verlagsbranche.

„Books are software!“

Klingt alles futuristisch? Geht ja gar nicht? Zumindest sind wir ehrlich gesagt in der Breite noch nicht weiter als in der von Leander Wattig beförderten Diskussion um offene APIs („Wir brauchen mehr API-Wettbewerbe und Hackathons in der Verlagsbranche“) vom 24. Oktober 2011, in der sich also schon vor drei Jahren auch der Sessionleiter Michael Schneider hervortat: „Hach, mein Lieblingsthema! Ich gehe fest davon aus, dass der API-Blickwinkel auch bei ‚Wer wird Visionär‘ eine große Rolle spielt. Abgesehen von dem ganzen Rauch, der während der Suche nach neuen Geschäftsmodellen so verblasen wird: hier geht es dann wirklich ans Eingemachte und es stehen einem doch ratzfatz Geschäftsmodelle und Newsbreaking-Dienste vor Augen, oder?“

Vielen der faszinierten Session-Teilnehmer stand jedenfalls trotz aller Hintergrund-Erleuchtung erstmal kein einfaches, globales Geschäftsmodell vor Augen, manch einer verließ aber deutlich grübelnd den Raum. Und wer weiß, vielleicht sitzt schon irgendwo irgendjemand vor seinem Notebook und schreibt statt an einem Sessionbericht an einem Programm, mithilfe dessen (und offener APIs wohlgemerkt) sich manche Verlage in eine digitale, strukturoffene Zukunft hinüberretten können.

eBookCamp 2014 Michael Schneider

Gebannte Zuhörer in Michael Schneiders Session, © Janina Hein


Sessionbericht: Deathbook

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer fleißigen Sessionpaten.

Deathbook – das multimediale und interaktive eBook bei Rowohlt

von Johanna Schaumann

In der Session „Deathbook – das multimediale und interaktive eBook bei Rowohlt“ waren neben Autor und Lektor überraschend 5 weitere Projektmitglieder (Projektleiter, Programmierer, Vertrieb) anwesend und gaben sehr schöne Einblicke in das Projekt.

Uwe Naumann und Andreas Winkelmann

Uwe Naumann vom Rowohlt Verlag (li.) und Deathbook-Autor Andreas Winkelmann stellen dem eBookCamp-Publikum ihre Session vor, © Ute Nöth

Deathbook ist ein Thriller mit innovativen, interaktiven, multimedialen Elementen. Es ist eine 10-wöchige Fortsetzungsgeschichte, die ab 24. September 2013 startete, und zuerst nur als Ebook konzipiert wurde. Im Anschluss wurde eine Printfassung erstellt. Neu war bei dieser Geschichte, dass die multimedialen und interaktiven Elemente nicht „angeflanscht“ wurden, sondern wichtiger Bestandteil der Geschichte sind.

Sehr schnell wurde klar, dass Deathbook ein „Projekt“ ist, das in den vorhandenen Rowohlt-Verlagsstrukturen integriert werden musste, und dass vor allem Theorie und praktische Umsetzung alsbald auseinanderklafften:

Grundsatzentscheidung war, auf allen Geräten und Plattformen präsent zu sein. Hier ist man sehr schnell an die technischen Grenzen gestoßen, da der ursprüngliche Plan EINE DATENQUELLE FÜR ALLE AUSGABEFORMEN nicht umsetzbar war. Am Ende mussten 3 Produkte parallel entwickelt und kontrolliert werden. Diese technischen Tests waren zeitintensiv und auch die unterschiedlichen Mentalitäten von Programmierer, Lektor, Autor … kamen zu Tage. Während ein Programmierer gerne eine Betaversion entwickelt und freigibt, möchte der Lektor ein abgeschlossenes Produkt abliefern. Auch musste berücksichtigt werden, dass nicht auf allen Geräten Interaktivität möglich ist.

Der Autor Andreas Winkelmann durfte zuerst seine Wünsche äußern ohne technischen Hintergrund, wurde dann aber von der Realität eingeholt. Sein Kommentar „Künstlerische Eitelkeiten durfte ich dabei nicht haben“ beschreibt es sehr gut. Er musste 10 Wochen lang in 2 Welten leben, da er auch gleichzeitig seine eigene Hauptfigur im Thriller war und aktiv mitgewirkt hat. Lebendig erzählte er von dem Dreh einer Filmepisode in einer Baracke, die in den Thriller eingebaut wurde. Er war als Autor auch besonders gefordert, den Thriller aktuell zu halten, vor allem bei den Sprungstellen in die sozialen Netzwerke.

Am Ende wurde auch noch ein Printbuch veröffentlicht, bei dem Stellen neu geschrieben werden mussten, um z. B. die interaktiven bzw. multimedialen Passagen einzubauen und zu beschreiben. Es wurde auch viel überlegt, ob es einen „Mehrwert“ für das Printbuch geben muss, letztendlich war es der Umfang. Schwierig war auch das Übertragen der Zeitleiste des Buches, da im Ebook des Öfteren Handlungen parallel stattfanden.

In der anschließenden Diskussion wurde die Frage gestellt, ob diese Art von Projekten mit den vorhandenen Verlagsstrukturen sinnvoll umgesetzt werden kann oder ob es besser ist, „Externe“ damit zu beauftragen. Herr Naumann zeigte dazu in einer eindrucksvollen Graphik „Deathbook-Elemente“ die Vielfalt der multimedialen, interaktiven Elemente und beschrieb den dahinterstehenden Aufwand. Wenn nötig, wurde die Expertise von Externen eingeholt, die Projektverantwortung blieb aber im Verlag. Von allen Beteiligten wurde nochmals das nötige Teamverständnis und die Gleichberechtigung aller Teammitglieder betont, ohne diese wäre die Umsetzung nicht möglich gewesen.

Deathbook ist vorerst ein abgeschlossenes Projekt, es wurden viele Erfahrungen bezüglich Teamarbeit (Innerhalb des Verlages und Zusammenarbeit mit Softwareentwickler) und Zeitmanagement gesammelt. Das Engagement aller Beteiligten war sehr hoch, es hat sich vor allem die technische Umsetzung als limitierender Faktor herausgestellt. Dies wurde zeitweise als sehr unbefriedigend eingestuft. Der Titel wird noch eine zeitlang lieferbar sein, es wird überlegt, wie man die interaktiven Elemente (Echtzeitereignisse) aktiv hält und inwieweit Softwareaktualisierungen nötig sind. Ob es Folgeprojekte geben wird, ist noch offen.

Danke für den Einblick in die Projektarbeit und kritische Reflexion, aus diesen Projekten kann man nur lernen!