Sessionbericht: Generation Smartphone

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer fleißigen Sessionpaten.

Kai Wels: Generation Smartphone – Die Kinder von heute sind die Kunden von morgen

von Sana Tornow

Ein zentrales Thema der Diskussion war die Frage, wie die Zielgruppe tickt. Dabei galt es auf die Entwicklungsstufen der 7 bis 13-Jährigen und 14 bis 17-Jährigen zu achten und hier die Unterschiede zu erkennen.

Vorweg ein paar Zahlen:

  • in deutschen Haushalten gibt es über 12 Millionen Kinder unter 18 Jahren
  • das erste iPhone ist 2006 auf den Markt gekommen
  • Erst seit den letzten knapp 15 Jahren gibt es Beobachtungen zum Nutzungsverhalten Jugendlicher mit mobilen Geräten.
  • bereits 3-Jährige sind mit dem Bedienen mobiler Geräte vertraut
  • 85% der 12 bis 13-Jährigen verfügen über ein eigenes Smartphone

Was wir uns bewusst machen müssen ist, dass 6-jährige eine Welt ohne Smartphone und Tablet nicht kennen. Alles, was irgendwie eine glatte Oberfläche hat, wollen sie direkt per Touch steuern. Für sie ist das Leben mit solchen mobilen Devices natürlich. Auch der Aspekt, dass „der Computer“ klein und tragbar ist, ist für sie völlig natürlich. Zudem die ständige und allgegenwärtige Erreichbarkeit, die Möglichkeit, alle Informationen im Web abrufen und nachschauen zu können. Informationen sind immer abrufbar und stehen mobil zur Verfügung. Für sie ist von Beginn an Text, Bild, Audio und Information mit Interaktion verknüpft und verbunden. Wir, die Generation der 90er und älter, hatten Bilderbücher oder Pappbilderbücher mit Klappen. Unsere Interaktion war das öffnen der Klappen und das Umblättern der Seiten.

Was machen die Heranwachsenden mit dem Smartphone?

Diese Frage ließ Kai Wels direkt von zwei Vertreterinnen der Generation Smartphone beantworten. In die Rolle einer 11-Jährigen und einer 16-Jährigen schlüpften dafür Laura Sonnefeld und Selma Wels. Eine Gegenüberstellung zweier Altersgruppen.

11-Jährige:

  • Lesen ist uncool, liest generell nicht gern
  • kein Interesse an eBooks
  • schaut Youtube, nicht Fernsehen
  • hat eigenen Youtube Channel zur Selbstdarstellung
  • nutzt WhatsApp intensiv (Sprachnachrichten > asynchrones Telefonieren, da sie nicht gut genug schreiben können für Text-Chats)
  • nutzt Gruppenchats in WhatsApp
  • kein Facebook
  • nutzt Instagram, hat eigenes Instagram-Profil und bespielt es aktiv
  • hat seit der Grundschule ein Handy/Smartphone
  • spielt gern Angry Birds

16-Jährige:

  • aktiver Fernsehkonsum
  • liebt Serien (HIMYIM, Sherlock, Big Bang etc.)
  • aktiv im kreativen Umfeld
  • liest gern
  • liest gern mobil (Smartphone)
  • liest hin und wieder auch ein Buch, bevorzugt Romane
  • schätzen Bücher als Geschenk und verschenken Bücher auch selbst
  • laden eBooks, wenn das Taschengeld leer ist
  • hatte erstes Handy/Smartphone mit 10
  • Smartphone ist ohne Vertrag, Prepaid
  • schreibt in der Schule nicht mit, sondern fotografiert das Tafelbild
  • kennen noch die analoge Welt, Leben ohne mobile Devices
  • kennen zum Teil noch die 16k Modems

Einige weitere Beobachtungen über das Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen:

  • Wenn Heranwachsende irgendwo zu Besuch sind, gilt ihre erste Frage dem WLAN-Kennwort.
  • Smartphones und Tablets sind Ersatz für TV-Geräte geworden.
  • Kinder bis 8 Jahre schauen weniger Youtube, sondern nutzen diese Geräte in erster Linie für Games (Spiele-Apps).
  • Gruppenchats bei WhatsApps sind extrem wichtig. Eltern, die ihren Kindern ein Smartphone und WhatsApp vorenthalten, grenzen sie damit aus dem sozialen Gefüge aus.
  • Heranwachsende kaufen Kleidung im Laden aber Technik im Internet.

Und zu sozialen Netzwerken:

  • Jungs nutzen zusätzlich Skype für z.B. Minecraft-Sessions.
  • WhatsApp wird für den Freundeskreis genutzt.
  • Facebook wird eher von älteren genutzt, die internationale Kontakte und Freunde haben, beispielsweise nach einem Austauschjahr oder ähnliches.

Medienkompetenz von Schülern, Lehrern, Eltern

Das Bewusstsein, dass man sich durch das Nutzen von Facebook, Instagram und WhatsApp – oder generell im Internet – transparent macht, hängt sehr stark von der Medienkompetenz der Eltern und der Lehrer ab. Leider ist es oft so, dass die Eltern hier versagen und selber nicht über Medienkompetenz verfügen. Lehrer haben diese oft schon eher, schaffen aber nicht immer diese zu vermitteln. Die Heranwachsenden haben das Bewusstsein, dass sie bestimmte Inhalte, die sie unbedingt wollen, auch auf illegalem Wege, dank der Nutzung gewisser Technologien, bekommen können. Sie wissen, wie sie Schranken umgehen können und machen davon Gebrauch, ohne sich „schuldig“ zu fühlen. Problem ist, dass sie cleverer und technisch versierter sind als Eltern und Lehrern und den Erwachsenen zum Teil die Technologien vorstellen und erklären.

10 Thesen

  1. Mobile first stellt neue Anforderungen an User Experience (UX), User Interface (UI) und Accessability (Zugänglichkeit)
  2. Ubiquitärer (allgegenwärtiger) Zugang zu Content wird zum Grundbedürfnis
  3. Die Grenzen der Medien verschwimmen, das Rezipieren der Inhalte wird medienunabhängig der aktuellen Nutzungssituation angepasst.
  4. Veröffentlichungen werden nicht mehr in festen Zyklen erfolgen, sondern in Echtzeit und asynchron
  5. Serien, Trilogien u.ä. werden nicht mehr Jahr für Jahr einzeln veröffentlicht, sondern alle verfügbaren Teile auf einmal (gilt aber noch nicht generell)
  6. Die Publikationen werden in kleinere, schnell rezipierbare Teile gesplittet
  7. Junge Autorentalente binden ihre Peer Group bereits in den kreativen Schreibprozess ein
  8. Digitale Inhalte werden sich über Content Upgrades aktualisieren
  9. Das gedruckte Buch wird als besondere Form der Contentnutzung wieder wertgeschätzt (Ausstattungen, Veredelung, haptisches Erlebnis etc.)
  10. Arbeitgeber werden sich auf die Veränderungen des Marktes und des Mediennutzungsverhaltens der Auszubildenden einstellen müssen

Abschließend wurde die Frage an Kai Wels gestellt: Was macht ihr als Verlag für Produkte? Die Antworten:

  • Neue Wege überlegen
  • Medienkonvergenz erzeugen
  • Apps, eBooks, Magazine & News zusammenführen

Erkenntnis des Tages: Machst du ein Produkt, was deiner Zielgruppe nicht gefällt, hast du verloren. Bei Jugendlichen und Kindern ist es noch gnadenloser als bei jeder anderen Zielgruppe.

Selma Wels, Laura Sonnefeld, Kai Wels

Kai Wels und die „Generation Smartphone“ (Selma Wels, links, und Laura Sonnefeld) im Gespräch mit dem eBookCamp-Publikum, (c) Felix Wolf

 

 

 

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Sessionbericht: Kreativworkshop interaktive E-Books

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer fleißigen Sessionpaten.

Andrea Kock: Kreativworkshop. Vom Text zum interaktiven E-BookWelche Features passen zu welchem Inhalt?

Von Claudia Pleil

Am Anfang standen folgende Fragen zum Einstieg in die Session:

  • Handelt es sich bei derzeitigen digitalen Produkten „nur“ um Zwischenformate, die sich vielleicht noch in eine ganz andere Richtung entwickeln? Trennen sich Buch und App irgendwann gänzlich?
  • Geht das E-Book den Weg der Multimedia-CD? (Tolle technische Möglichkeiten aber niemand mag sie nutzen/kaufen…)
  • Erreichen reine Digitalformate noch keine kritische Masse bei Leserinteresse und Vertriebsmöglichkeiten? (Frage aus dem Plenum – Wann ist die kritische Masse erreicht? Spontane Antwort von Andrea: Wenn man unterm Strich Geld verdient…)
  • Können innovative Tools wie TigerCreate, PubCoder oder Creatavist, die keine Programmierung erfordern, und niedrige Produktionshürden als Kickstarter für interaktive E-Books dienen?
  • Können sich aus den von diesen Tools vorgegebenen Features neue Ideen ergeben?
  • Sollten Autoren neue Inhalte und Features kreieren, entwickeln, mitdenken (weil sie nah am Inhalt sind) – oder sollten Experten Inhalte „veredeln“?

Exemplarisch stellte Andrea zudem noch zwei Fallbeispiele aus einer von BoD ins Leben gerufenen Challenge vor: einen Japan-Reiseführer mit interaktiven Karten und Vokabel-Vorlesefunktion sowie ein Bilderbuch mit Vorlesefunktion und Malbild. In diesem Zusammenhang wurde aus dem Plenum auf die Offenheit der aktuell kursierenden Begrifflichkeiten hingewiesen (interaktiv vs. enhanced/enriched usw.) – eine Problematik, für die es aufgrund mangelnder einheitlicher Definitionen vorerst wohl keine Lösung gibt. Was der anschließenden Diskussion jedoch keinen Abbruch getan hat:

Andrea Kock

Andrea Kock stellt ihre Session vor, (c) Ute Nöth

Zunächst wurde debattiert, inwiefern neue Produktentwicklungen sich noch im Rahmen der klassischen Prozess- und Verwertungskette von Verlagen umsetzen lassen (Manuskript > Herstellung > zusätzliche Features werden „angeflanscht“) oder ob sie vielmehr ein Umdenken in Richtung agilen Prozessmanagements erfordern, mit projektbezogenen Task-Forces, in denen alle Prozessbeteiligten zusammenkommen. Eine pauschale Antwort darauf ließ sich erwartungsgemäß nicht finden. Es kann lediglich festgehalten werden, dass es letzten Endes sowohl auf die jeweiligen Verlagsstrukturen als auch auf das konkrete Projekt ankomme.

Dagegen bestand bei der Frage danach, wer idealerweise neue Inhalte und Features mitdenken sollte, im Wesentlichen Einigkeit darüber, dass kreative Enhancements durch Autoren durchaus wünschenswert sind, eben weil diese am nächsten am Inhalt sind. Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass die Autoren entsprechende Kenntnisse der technischen Möglichkeiten mitbringen sowie die grundsätzliche Bereitschaft, neue Inhalte und Formate zu denken. Ebenso wäre es in diesem Fall wichtig, die Autoren frühzeitig mit einzubeziehen. Dabei sollte jedoch klar sein, dass längst nicht jeder Autor für neue Produktformen zu begeistern ist bzw. über die entsprechenden Kenntnisse verfügt, und auch, dass die Einbindung des Autors generell projekt- und inhaltsabhängig ist.

In jedem Fall sollte ein gewisses technisches Grundwissen auch im Verlag vorhanden sein, damit man dem Autor ggf. entsprechend Feedback geben kann. Dabei können die o.g. Tools durchaus als Katalysator dienen. Offen blieb jedoch die Frage, ob insbesondere technisch versierte Autoren dann überhaupt noch Verlage brauchen?

Daran anknüpfend wurde aus dem Plenum eingeworfen, dass die genannten Tools möglicherweise auch als Hebel für die Henne-Ei-Problematik in Hinblick auf ePub3 fungieren könnten (mangelndes Engagement der Verlage, weil es keine Plattform gibt; keine Plattform, weil es keine ausreichenden Inhalte gibt, um von einem Standard zu sprechen). Immerhin bieten existierende Tools mit Multiplattform-Ausspielung die Möglichkeit eines Lückenschlusses, indem sie Wissen und Features bündeln. Dies ändert jedoch nichts an dem Problem, dass plattform-abhängige Feature-Unterschiede bei gleichen oder ähnlichen Preisen für Kunden nicht nachvollziehbar und ärgerlich sind.

Möglicherweise – so ein Einwurf aus dem Plenum – sei aber genau das ein Argument für ein neues Credo, nämlich: Kompatibilität über alles? D.h. im Zweifelsfall sollten Verlage evtl. in Betracht ziehen, lieber nur auf einer Plattform vertreten zu sein, dafür aber mit einem „perfekten“ Produkt.

Unabhängig davon kann durch entsprechende Tools durchaus ein neuer Level der Professionalität erreicht werden. Fragwürdig ist dabei jedoch die eher gegenläufige Entwicklung im Bereich der entsprechenden Geräte – d.h. dass auf dem Markt vermehrt entweder abgespeckte, kostengünstige Reader angeboten werden (die angereicherte E-Books etc. gar nicht abbilden können) oder teure „High-End“-Geräte, die viel mehr können und auf denen Verlage und ihre Produkte dann wiederum in Konkurrenz treten mit Websites, Software, Filmproduktionen usw. In diesem Zusammenhang wurde jedoch auch angemerkt, dass beispielsweise Amazon die Entwicklung neuer Geräte/Features systematisch danach ausrichtet, wofür aus Vertriebssicht eine entsprechende Nachfrage gegeben ist (z.B. mit der auf Comic-Fans ausgerichteten Panel View des KF8). Hier liegt der Fokus auf den Kundenbedürfnissen, woran sich Verlage mitunter noch ein Beispiel nehmen könnten.

Auf die Frage aus dem Plenum, was denn nun aber sinnvolle Features seien, kann es wohl nur die Antwort geben, dass dies abhängig ist vom jeweiligen Buchtyp und Inhalt. Als unverzichtbar kann eine dem Inhalt angemessene Navigation betrachtet werden, für Kinderbücher im Besonderen ist darüber hinaus der Wert spielerischer Inhalte nicht zu unterschätzen ebenso wie eine Audiospur/Vorlese-Funktion, die jedoch auch für andere Inhalte sinnvoll sein kann, z.B. im Bereich Reiseführer, wie das Beispiel der BoD-Challenge zeigt. Gerade für Reiseführer o.ä. stellen eben auch interaktive Karten eine kluge Ergänzung dar, während Quizze sich besonders, jedoch sicherlich nicht nur für Lehrbücher eignen. Konsens bestand im Wesentlichen darüber, dass jegliche zusätzliche Features möglichst unaufdringlich und frei wählbar sein sollten (z.B. Booktracks). Trotzdem bleibt letzten Endes die Frage offen, ob enhanced E-Books überhaupt goutiert werden.

Erwartungsgemäß gab es auch für die abschließende Frage, was Verlage denn nun konkret tun können, kein Patentrezept. Grundsätzlich scheint es jedoch ratsam, dass sie sich auf ihre Kreativität bzw. die Kreativität ihrer Urheber besinnen, zusätzlich idealerweise aber zumindest eine gewisse technische Kompetenz aufbauen, um souverän zwischen Textproduktion und enhanced-Elementen vermitteln zu können. Perspektivisch können und sollten dafür allerdings auch bestehende Workflows neu gedacht und/oder entsprechendes Know-how ggf. lizenziert werden.