Sessionbericht: Digitalliteratur anders gedacht

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Tina Giesler: Digitalliteratur anders gedacht. Ein Experiment

Bericht von Nicole Boske

Dembelo – Ein literarisches Experiment

Tina Giesler beim eBookCamp 2015

Tina Giesler (c) eBookCamp

Als Digital-Herstellerin realisiert Tina Giesler E-Books. Ihr literarisches digitales Experiment nimmt den Ursprung in ihrer eigenen Vorstellung vom digitalen Leseverhalten sowie digitaler Literatur, die über das schlichte Konvertieren von Text hinausgeht. Ihre Idee beinhaltet eine Neuorganisation des Lesens und des Schreibens, womit nicht nur Vielleser angesprochen werden sollen, sondern auch jene, die eher wenig lesen. Zudem erleichtert Dembelo das Finden neuen Lesestoffs.

  1. Der Antishop

Dembelo funktioniert zukünftig über eine webbasierte, kostenfreie, literarische Plattform namens „waszulesen.de“. Finanziert wird diese u.a. durch Werbung. Auf der Website kann der User aus acht Themenfeldern (geordnet nach Genre, Fandoms und mehr) sein Interessengebiet wählen. Das Besondere dabei ist, dass ihm nach seiner Entscheidung nicht, wie in Online-Shops, zahlreiche Texte samt Cover, Titel oder Inhaltszusammenfassungen angeboten werden, sondern dass der User direkt zum „Loslesen“ gezwungen wird. Der User wird zum Leser, indem er sofort in einem Text landet.

  1. Lese-Zapping

Nach Giesler definiert sich das digitale Lesen über das Lesen von Kurztexten. Daher werden die auf Dembelo angebotenen Texte den Umfang „eines längeren Blogeintrags“ nicht überschreiten. Somit werden Leseerlebnisse von 5-10 Minuten geschaffen – perfekt für ein Lesen zwischendurch. Die Idee dahinter ist, dass die User sich für Dembelo anstatt wattsapp usw. entscheiden, wenn sie zum Beispiel auf den Bus warten. Belohnt werden sie mit dem Erfolgserlebnis, etwas gelesen zu haben. Um ein Lese-Zapping und damit ein Springen von Text zu Text zu ermöglichen, bedarf es einer kritischen Masse an Texten. Diese wird in der Betaphase des Experiments erreicht, indem nur ein Themenfeld der möglichen acht bedient wird (Steampunk).

  1. Vorfinanzierung

Auch die Rolle des Autors verändert sich insofern, dass er zum Textproduzenten auf Nachfrage wird. Am Ende eines jeden Kurztextes kann der User sich entscheiden, ob ihm dieser gefällt oder er in den nächsten Text springen möchte. Gefällt er ihm, kann er aus zwei Optionen wählen, wie der Text fortgeführt werden soll und entscheidet sich damit. den Autor und seinen Text zu finanzieren. Hier wird das Crowdfunding-Prinzip des Vorfinanzierens über Spenden aufgegriffen. Um die Hemmschwelle für den User so gering wie möglich zu halten, liegt der Finanzierungsbetrag bei einem festen Cent-Betrag. Ein Gelingen der Vorfinanzierung setzt jedoch auch eine große Fanbase und Nutzergruppe von Dembelo voraus.

  1. Details

Dembelo ist eine Open-Source-Software zur Textproduktion. Es handelt sich um vernetztes Lesen mit Open Content, somit können die eingestellten Texte frei verlinkt werden. Giesler wies deutlich darauf hin, dass der User eben nicht für den Text zahlt, den er liest, sondern für die eingebaute Entscheidungsmöglichkeit am Ende eines jeden Kurztextes. Eine Fanbase für das Projekt wird über waszulesen.de und mithilfe von „Hype“-Marketing kreiert (ein Hype um diese neue Art zu lesen wie auch um einzelne Texte soll ausgelöst werden – dabei spielt der User als Mitentscheider eine wichtige Rolle). Die Betaphase beginnt mit 60-70 Texten am 14. Dezember 2015.

  1. Mach mit bei Dembelo!

Tina Giesler möchte mit Dembelo ihre Vorstellung von Literatur umsetzen und versteht ihr Projekt als „Experiment“ und nicht als wirtschaftliches Unternehmen. In diesem Sinne freut sie sich über Kritik und Ideen, die im Forum www.dembelo.de eingebracht werden können, sowie über Techniker, die sich im Open-Source-Bereich auskennen und Lust darauf haben, sich an Dembelo zu beteiligen.


Sessionbericht: Into the future: Die Publishing-Branche 2030

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Martina Steinröder: Into the future: Die Publishing-Branche 2030

Bericht von Silke Niehusmann

Dr. Martina Steinröder

Dr. Martina Steinröder (c) eBookCamp

Martina Steinröder teilte ihre Session grob in zwei Phasen ein.

In der ersten stellte sie kurz die Theorie hinter dem 3 Horizonte Modell vor und fokussierte dann vom allgemeinen hin ins Buch-spezifischere. Am Ende demonstrierte sie die angewandte Kreativtechnik zur Erhöhung der Anschaulichkeit an einem Beispiel. Input und Fragen waren hier von Anfang an erwünscht.

In der zweiten Phase brach die Session in neun Gruppen von vier bis fünf Teilnehmern auseinander, welche in 20 min jeweils für einen klar umrissenen Untermarkt der Publishing Branche ein Szenario für 2030 entwickelten. Hiervon wurden dann drei Ergebnisse der gesamten Gruppe präsentiert.

Warum erstellt man ein 3 Horizonte Modell?

Einer der Hauptgründe ist, dass es Unternehmen gestattet, relevante Technologien und Marktsegmente mit Hilfe von Szenarien konzeptionell klarer zu umreißen. Hierbei können auch unterschiedlich gepolte Szenarien für das gleiche Segment erstellt werden, um am Ende ein Spektrum an möglichen Entwicklungssträngen vergleichen und optimiert nutzen zu können.

Uns interessierten in der Session natürlich vor allem die Auswirkungen, die bereits existierende und Break Through Technologien der nächsten Jahre auf die Buchbranche haben werden.

Somit arbeiteten wir uns entlang eines in die Zukunft gerichteten Zeitstrahls durch die einzelnen hintereinander gelagerten Horizonte. Während der erste Horizont das aktuelle Kerngeschäft beleuchtet, mit dem Verlage derzeit ihr Geld verdienen, bewegt sich der zweite Horizont im klassischen Planungsfeld von 2-5 Jahren. Hierbei liegt der Fokus auf einer fassbaren Zukunftsorientierung, welche sich der konkreten Produkt(weiter)entwicklung widmet.

Wir fokussierten uns jedoch auf den dritten Horizont: die Zeitspanne in 10-15 Jahren. Was wird am Markt passieren? Was wird uns wichtig sein? Was lassen Kunden aus Desinteresse links liegen? Sprich: Was müssen WIR tun, um dabei zu sein? In anderen Worten: um als Medienproduzierende/-schaffende nicht nur unseren Profit zu erhalten oder zu erhöhen, sondern auch unsere Profitabilität zu steigern und unsere Relevanz zu sichern.

Wie man bereits sehen kann, ist der Blickwinkel in jeder Zeitebene ein anderer. Wir bewegen uns weg vom Fokus auf das Geschäft hin zu einer produktorientierten Sichtweise, bevor wir zu einer perspektivischen Ansicht hinübertreten.

Welche Perspektiven sind von Relevanz für unser Modell?

Auch hier greifen wir die Fragestellung in mehreren Ebenen an. Einer unserer Pfeiler besteht aus einer Trendanalyse, welche vergangenheitsbezogen ist. Sie ist in der Hinsicht ein Grundpfeiler, dass sie uns zwar selber nichts über die Zukunft sagen kann, aber ein gutes Verständnis über Entwicklungszyklen und andere relevante Zahlengrößen geben kann. Sprich sie fungiert ähnlich einem Gradmesser, mit dem wir unsere Prognosen bezüglich ihrer Wahrscheinlichkeit testen können. Dies funktioniert gut für die Betrachtung von Trends, jedoch nicht für wirklich neue disruptive Elemente.

Die zweite Perspektive beschäftigt sich mit den Megatrends (gesellschaftl.), die sich um uns herum entfalten. So zum Beispiel die demographischen Entwicklungen (e.g. alternde Gesellschaft, höhere Interkulturalität).

Als dritter Aspekt stehen technologische Entwicklungen im Fokus, so z.B. 3D Drucker, aber auch Dinge, die man (noch) nicht vorhersehen oder konzipieren kann.

Wie gewichte ich die unterschiedlichen Einflussgrößen?

Hierauf schauten wir uns den dritten Aspekt genauer an. Es gibt immer eine große Anzahl an Entwicklungen und Trends, doch nicht alle sind von gleicher Relevanz. Zusammenfassend wurden die 10 Disruptions-Technologien, welche uns vorgestellt wurden, auch gleich in 3 Kategorien unterteilt: höchst relevant, relevant und von geringerem Einfluss.

höchst relevant (1):

  • mobil & vernetzt (Tech ist bereits angekommen!)
  • Cloud, Big Data (Umsetzungsphase hat begonnen)
  • AI

relevant (2):

  • Internet of Things (Smart Home, Smart Car)
  • Virtual Reality

weitere Technologien:

  • 3D Druck (hier war der Einwurf mehrerer Publikumsmitglieder, dass diese Tech in manchen Bereichen (z.B. Kinder, Genre ala Fantasy) auch als relevant eingestuft werden kann)
  • Nanotech (z.B. Chips, welche die Freisetzung von Medikamenten steuern)
  • Energie Techs (hauptsächlich industrielles Thema)
  • Roboter & Dronen (hauptsächlich industrielles Thema)
  • Genomics (Human Medizin Thema)

Als nächstes gewichten wir ebenfalls die Megatrends, die unser Leben beeinflussen:

höchst relevant (1):

  • Globalisierung (wer produziert wo, von wo sourcen wir, was wir konsumieren)
  • Demographie (Einflüsse wie Alter und kulturelle Zusammenhänge auf Inhalte, Medium und Formate)
  • Neues Lernen / Wissensgesellschaft (kontinuierliches Lernen)
  • Individualisierung (pseudo & real)

Weitere Megatrends:

  • Urbanisierung
  • Neoökologie

Self-Pulishing kann als, für die Publishing Industrie wichtiger, lokalisierter Trend hinzugenommen werden, der eng mit dem höchst relevanten Punkt ‚Individualisierung‘ verbunden ist.

Wie gehe ich nun weiter vor, um gezielter meine Faktoren zu gewichten?

Nachdem wir in beiden Bereichen potentiell wichtige Faktoren und Disruptionen ausgemacht hatten, bestand unser nächster Schritt darin, diese Einflussfaktoren genauerzu untersuchen. Um sich ein genaueres Bild zu verschaffen, wurde uns eine weitere Szenario Technik vorgestellt, welche es gestattet, aktive und passive Einflüsse zwischen den einzelnen Trends und Disruptionen aufzuzeigen, indem man sie über eine Matrix miteinander in Verbindung setzt.

Die ermittelten Aktiv- und Passivsummen gestatten es dann wiederum, die Aspekte in einem Vierfelder Systemgrid (aktiv, amivalent, puffernd und passiv) zu verorten. Während die Technologien und Trends im aktiven Quadranten hohes energetisches Potential aufweisen, benötigen gerade die im passiven Quadranten angesiedelten Elemente diese externe Energie, um ihr Potential entfalten zu können. Somit entstehen Wechselwirkungen und Beziehungen zwischen einzelnen Elementen.

Dieses Wissen erlaubte es uns nun, jeden der Einflussfaktoren in einer positivsten und einer negativsten Ausprägung zu umreißen. Die Realität wird, wie so oft, zwischen diesen Extremen liegen. Doch um diese geht es zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht. Es geht um „Was wäre wenn“, eine Öffnung gegenüber dem Möglichen. Nicht eine ultimative Wahrheit, sondern ein wenig Phantasie.

Basierend auf den erarbeiteten allgemeineren Szenarien gingen wir nun für eine Reihe der Trends genauer auf die spezifischeren Bedeutungen für die Publishing-Branche ein (siehe pdf-Präsentationsmappe der Session). Wir können nun aber diese Einschätzungen als Gage nutzen, um aktiv Weichen zu stellen, die in jene (Produkt-)Zukunft führen, die wir als relevant und profitabel einschätzen, und uns Handlungsfelder zu eröffnen.

Wissenschaftliches Lernen – Ein konkretes Beispiel

Zum Abschluss des Vortragsteiles bekamen wir die oben genannten Techniken noch anhand des Beispiels Wissenschaftliches Lernen demonstriert, bevor wir in die Gruppenarbeit entlassen wurden, um die vorgestellten Techniken an einem eigenen Szenario zu erproben.

Gruppenarbeitsergebnisse

Gruppe Segment Prognose
1  Belletristik – ‚One Device‘ ein Gerät für alles

– Monopolisten kontrollieren den Zugang zu diesen ‚One Device‘ Inferfaces

– Konzentrationsfähigkeit schwindet mit Auswirkung auf die ‚Longform‘

– ‚Buch-Lesen‘ nur noch als „Bio für den Kopf“ für intellektuelle Zielgruppe

– Kurze, fragmentierte Texte & Serien (Cliffhanger)

– Selfpublishing rulez! Verlage braucht niemand außer der „Bio-Nische“

– Literatur wird immer uniformer -> KI schreibt, keine Autoren!

– Wozu dient lesen überhaupt noch? Was ist Lesen?

2  Schulbuchverlag

(Mindmap)

– = Sind Multimediaunternehmen, die keine Printprodukte mehr herstellen

– Lehrer arbeiten dezentral

– Wissen wird generiert (Bsp. Aus Google) & Artificial Intelligence -> Wissen ist immer auf dem tagesaktuellen Stand

– Wissen wird unmittelbar erlebbar (Virtual Reality)

– Homeschooling & Internationale Vernetzung -> Materialien sind flexibel (z.B. Übersetzungen)

– Individualisierung, Materialien nach Wissensstand & Arbeitsvorlieben der Schüler

– Wissensstand der Schüler wird kontinuierlich verfolgt

3 Publikumsverlag Es findet eine Segmentierung statt
1) günstige bis für den Endkunden ‚gefühlt‘ kostenlose, Mainstream Produkte, dominiert durch Global Player in Verlags- und Self-Publishing Bereich
Inhaltlich dominieren nicht lineare, vernetzte Inhalte, welche über modulare – vom Kunden individuell zusammensetzbare – mediale Formate (+ Virtual Reality) und Interaktionslevel (Social Reading, Gamification etc.) in klaren durch Medien- & Technologiekonvergenzen bestimmte Konsumentenkanäle abgerufen werden. Der Leser wird in diesen interaktiven Bereichen zum Mit-Urheber und Weiterentwickler (dies wird als Pseudo Individualisierung gefeiert), Datenauswertung steht im Mittelpunkt der Contentschaffung, welche Bestseller nach Plan schaffen, um im Bereich der verengten Kaufentscheidungen durch Perfektion punkten zu können.
2) lokale und regionale Special Interest Nischenanbieter, die unabhängig oder in Produktionskooperationen (ko)operieren bieten Produkte im hohen bis höchst-preisigen Segment in streng limitierten Auflagen (Sammlerstücke mit Wert, TBs verschwunden). Diese Leser zelebrieren die Entschleunigung und Ästhetik eines schön gedruckten Buches
=> Brot & Spiele vs. eine Art neuer Mäzenen-Kultur
4  Kinderbuchverlage – Punk or Popper = echt oder Virtue

– Erleben von Inhalten mit allen Sinnen ohne traditionelle Medien (visuell, haptisch, olfaktorisch [Geruch], gemeinschaftlich [social node])

– evtl. Gegenbewegung zum „Alten“ (Vinyl, Natur = gedr. Buch)

5 Publikumsverlag – Ratgeber – virtuelle Rundgänge + Lehrer (Hologramme)

– KI / Smartes Feedback

– Expertenstatus / -begriffe erweitert sich -> Selbstoptimierung als Triebfeder

– Kampf zwischen Plattformen und aktuellsten, technischen Umsetzungen

6   Publikumsverlag  – B + C Produktionen nur nach Leser-Voting -> Lesermeinung wird wichtiger!

– Verlagsmarke wird schwächer <-> Autorenmarke wird stärker z.B. James Patterson

– Empfehlungsmarketing gewinnt an Bedeutung -> Bestseller werden gemacht

– Automatische Generierung von Inhalten durch Parameter des Lesers -> KI-generated content

– Rolle des Autors ändert sich

– Lager werden nicht benötigt (kein Barsortiment) -> Print-on-Demand löst ab

– Verlagsarbeit wird technischer -> braucht man noch Lektoren? (QM durch KI)

– Content wird medienübergreifender (Buch, Spiel etc.)

– Nutzereinheiten verkürzen -> serielle Inhalte bleiben wichtig / wachsen an Bedeutung

– Inhalte Cloudbasiert -> Technologie wird anspruchsvoller = bequemer für Nutzer

– verlagsferne Unternehmen haben höheren Einfluss auf Content

 7  Kinderbuchverlag – Kinder besitzen und nutzen sehr früh Devices (WLAN-Schnuller)

– Produktangebot nimmt zu (individualisiert & personalisiert)

– Vernetzung der Branchen (Health & Bildung)

– Frühestmögliche Optimierung der Entwicklungschancen

– Markentreue leibt, Produktwelt wird allumfassend

– Monopolbildung

 8  Publikumsmarkt

(Mindmap)

– Nicht linear, über Formate hinweg

– Internationale, multilinguale Angebote

– Einnehmen einer Rolle innerhalb des Contents macht Lesen zum Event

– Open Access und Free Content

– Verlage stehen zwischen Technologie (physiolog. Daten für spezielle Angebote), Inhalten (Texte, individuelle Produzenten) & Dienstleistungen

– Revenue? Premiumprodukte, Events (Autor, Reenactment), Partizipation (VR Events)

 9  Nicht definiert

(Mindmap)

– Einfacher Zugang = sehr wichtig! + Nutzergetrieben; Leser/Kunde bestimmt mehr mit (Social Media Kanäle sehr wichtig!)

– Sehr viel Lesen & Vorlesen lassen, anders Lesen

– Lesen nicht mehr unbedingt Stellenwert vs. Lesen als Kernkompetenz mit neuem Stellenwert

– kleine exquisite Nische des ‚Alten‘ = Ruhezonen erforderlich

– Mainstream = eine Technologie?, immer mehr smarte Lösungen, Coden = neuer Stellenwert

– Technik muss Unterbrechungen zulassen

– Zugang ist anders


Sessionbericht: Disrupt eBookCamp

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

eBookCamp-Team: Disrupt eBookCamp

Sessionbericht von Luise Schitteck

Los ging es mit einer kurzen Vorstellungsrunde der über einem Dutzend Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die dabei auch direkt äußern konnten, was sie am eBookCamp schätzen und was sie vermissen.

Auf der Haben-Seite fanden sich

  • Offenheit
    … einerseits der Veranstaltung für alle Interessenten und Interessentinnen
    … der Anwesenden untereinander
  • Netzwerkarbeit (erweitern, vertiefen, festigen, …)
  • Augenhöhe ( keine hierarchischen Strukturen, offener Austausch, „Jeder darf mal“ (eine Session einreichen, (gefühlt dumme oder tiefgehende) Fragen fragen, Wünsche undoder Kritik äußern,  was sagen, nichts sagen)
  • breites Themen-Spektrum
  • erschwinglich auch für knappe Budgets

Auf der Soll-Seite

  • die Suppe wurde ohne Brot serviert und es war nicht allen klar, dass man die Bambus-Suppenteller hätte mitessen können (und dass es deswegen ganz und gar unbedenklich war, dass sie sich während des Essens ein wenig aufgelöst haben).

Nach einer kurzen Einführung, in der es auch darum ging, wie anstrengend die Vorbereitungen für das eBookCamp für die ehrenamtlichen Organisatoren sind, gab Ute einen kurzen Überblick darüber, was sich in der Orga derartiger Events (allgemein) verändert hat. Darüber, dass vieles leichter geworden ist durch neue Tools, die die Vorbereitung unterstützen, und dass durch die sinkenden Schwellen die Veranstaltungen stärker ausdifferenziert sind. Dazu kommen neue Hybrid-Formate wie Periscope-Parties.

Carsten arbeitete sich dann durch eine kurze Wettberwerbs-Analyse vor zu der Frage „Wo steht das eBookCamp?“ im Vergleich zu anderen Branchenevents.

Im Vergleich mit Buchmessen, der AKEP-Jahrestagung, Pub’n’Pub, orbanism und der future!publish, braucht es da das eBookCamp? Die Beantwortung der Frage wurde dann ans Plenum gegeben und ein wenig nach hinten verschoben.

Andrea stellte weitere Fragen in den Raum. Wie lang kann ein Format wie das eBookCamp unverändert bestehen? Muss es verändert werden, soll es verändert werden? Oder gilt es gar, das geflügelte Wort zu beachten, „Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist“?

Felix eröffnete an diesem Punkt die „offizielle“ Diskussion, indem er sich direkt an Matthias Voigt von der Agentur Literaturtest wandte, der Veranstalter der future!publish ist. Matthias sieht genügend Platz für das eBookCamp und die future!publish.
Nicht zuletzt habe die future!publish einen kommerziellen Hintergrund und wende sich eher an die Geschäftsführer-und Vertriebsebene. Es gebe Möglichkeiten zur Kooperation beider Events, wie es auch dieses Jahr schon praktiziert wurde: Unter den Sponsoren-Ticket-Käufern und-Käuferinnen des eBookCamp wurde ein Ticket für die future!publish verlost.
Zusätzlich sei das unter anderem vom BOEV Berlin-Brandenburg initiierte Event nicht ausschl. auf Digitales fokussiert, sondern widme sich auch analogen Themen, Verlagsprozessen, Agilität etc.

Michael Schneider ging dann auf die Unterschiede zu Branchenveranstaltungen wie der AKEP-Jahrestagung/den Buchtagen ein. Das eBookCamp decke eine Nische ab, weil es aus Eigeninitiative und ehrenamtlich veranstaltet werde. Diese Voraussetzung führte zu einem kollaborativen und partizipativen Charakter, der in der Verbandsarbeit manchmal schwerer falle.
Grundsätzlich könne man von Veranstaltungen wie dem eBookCamp, dessen Adaption in München ein Erfolg sei, einiges lernen.

Das Team des eBookCamp diskutiert, wie es mit dem Format weitergehen soll.

Das Team des eBookCamp diskutiert, wie es mit dem Format weitergehen soll.
(c) Kai Mühleck

Darauf stellte das eBook-Camp-Team die Frage, ob das eBookCamp größer, vielleicht auch kommerzieller werden muss.

Aus der Gruppe kamen dazu verschiedene Rückmeldungen, die aber alle den Tenor hatten, dass eine Vergrößerung nicht gewünscht ist:

  • Die Kommunikation ist bei einer kleineren Veranstaltung direkter, das gesamte Gefüge agiler
  • Eine Vergrößerung würde zu einer Art „eBook re:publica“ führen
  • Größer = anonymer
  • Statt „größer“ lieber noch kollaborativer, praktischer, „hands-on“

Vom Team kam Frage, ob es eine Möglichkeit sein könnte, Projekte mit Vorlauf zu starten und dann beim eBookCamp auszuwerten. Die Rückmeldung hierauf war eher verhalten, stattdessen kam die Gegenfrage, ob dem Team ganz konkret Unterstützung fehle.
Offensichtlich (und sehr nachvollziehbar) stellt es einen großen Kraftakt dar, das eBookCamp neben Job und Familie ehrenamtlich auszurichten. Hilfe in jedweder Form ist immer erwünscht und das Team freut sich über Angebote.
Die Diskussion war herrlich konstruktiv und erbrachte Folgendes:

  • Die hohe Attraktivität für „Einsteiger“ wird erhalten, indem das Themenspektrum breit gehalten wird
  • Teilnehmer und Teilnehmerinnen schätzen das hohe Niveau der Diskussionen und Begegnungen, das dank der großen Beteiligung „operativer Contentarbeiter“ (Wisst Ihr, was ich meine?) zustande kommt
  • Vielleicht kann man vor-oder nachgeschaltet ein „Toolcamp“ anbieten, indem Workshops zu bestimmten Themen stattfinden (Lieblingsbildbearbeitung zeigen, EPUB erstellen, o.ä.)
  • Einen der Slots in Zusammenarbeit mit einer Hochschule füllen, um Forschungsprojekte einzubringen und zeitgleich den Studierenden Input aus der Praxis zu geben
  • Die Erweiterung von 9 auf 12 Slots wurde von der Mehrheit positiv bewertet.
  • Es wurde mehrfach der Wunsch geäußert, wenigstens einen „klassischen“ Barcamp-Slot anzubieten, bei dem erst bei der Veranstaltung Sessions vorgestellt werden und Teilnehmer und Teilnehmerinnen abstimmen, welche Session stattfinden soll.
  • Die Themen des eBookCamp wachsen mit den Themen der Branche

Wir waren uns in jedem Fall alle einig, dass das eBookCamp sich nicht tot gelaufen hat und dass wir es behalten wollen. So!

Um dem Team unter die Arme zu greifen, ist jede Form der Hilfe willkommen, Vorschläge gern per eMail. Auch gern genommen sind Ideen, welche Themen gerade besonders spannend sind, womit man sich befassen könnte/sollte.
Da sind wir alle gefragt.

Der Sessionbericht ist zuerst auf Luises Blog e-luise.de erschienen.


Sessionbericht: „PROJEKT MARILLE“ – Tracking in eBooks, ein Werkstattbericht

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Kornelia Holzhausen, Susanne H. Schmitz: „PROJEKT MARILLE“ – Tracking in eBooks, ein Werkstattbericht

Bericht von Vedat Demirdöven

Kornelia und Susanne H. Schmitz

Kornelia Holzhausen (rechts) und Susanne H. Schmitz

Susanne Schmitz und Kornelia Holzhausen vom Piper Verlag präsentieren ihren „Werkstattbericht“ gleich in ihre ersten Session, im vollbesetzten Edel-Raum des Beta-Haus, das Gastgeber des 5. Jubiläums-Camp war.

Amazon, Apple, Google und Co. sammeln immense Datenmengen über Kunden, über deren Verhalten deren ihre Freunde, Vorlieben. Sie basteln daraus ihre Analysen, ziehen Rückschlüsse, schaffen neue Trends und betreiben gezielt Marketing. Verlage hingegen müssen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen. Das läuft seit vielen Jahren sehr gut., aber dennoch fühlt es sich zuweilen ein wenig so an, als würde man sich mit einer kleinen LED-Taschenlampe durch den stockdunklen Wald bewegen. Wahrsager müsste man sein!

Piper versucht mit seinem aktuellem Trackingprojekt Marille, Licht ins Dunkle zu bringen, und bedient sich dabei der Technologie der englischen Firma Jellybooks, die den Verlagen selbst das Tracking von Leseverhalten ermöglicht, bereits Anfang 2015 wurde mit Random House UK ein erster Pilot durchgeführt und nun, seit dem 12.10.2015, also seit nicht mal 4 Wochen ist Piper mit den ersten eigenen Titeln am Start.

Wie es funktioniert und welche Einschränkungen das Projekt mit sich bringt zeigt die folgende Grafik

Jellybooks
Jellybooks
  • Zunächst müssen die Geräte ePub 3-fährig sein
  • Ein eingebettete Javascript-Software trackt (offline) das Leseverhalten und
  • Durch Anklicken eines Buttons am Ende eines jeden Kapitels durch den Leser, werden die Daten mit Jellybooks synchronisiert.

Der Jellybook-Pilot wurde bei Piper so aufgesetzt, dass es dem Vorab- oder Leseexemplar ähnlich ist und führt zunächst eine quantitative Auswertung durch und in einem zweiten Schritt erfolgt die qualitative Auswertung über einen Fragebogen.

Aber zunächst musste man in Arbeitsgruppen erst einmal Fragen erarbeiten, auf die der Verlkag Antworten aus dem Tracking gewinnen möchte.

Möglich Fragen die ein solches Leser-Tracking beantworten kann sind zum Beispiel:

  • Bleibt ein Titel Spitzentitel und bekommt maximales Marketing (Pre-screening)? Oder überzeugt ein anderer mehr?
  • Können wir durch das Sammeln von weiteren demographischen Daten unser Marketing etc. optimieren?
  • Gibt es Rückschlüsse für Autoren in Sachen Inhalt? Ist dies hilfreich? Oder führt das zum programmierten Bestseller?
  • Spricht das Cover meine Zielgruppe an?
  • Hat der Inhalt überzeugt? Der erste Teil wurde gut verkauft, aber haben die Leute wirklich gelesen? Hat der Autor eine loyale Leserschaft?
  • Können Leserdaten ein KPI (key performance indicator) sein, wenn Lizenzen gekauft oder verkauft werden?
  • Möchte man Endkundenadressen oder Buchhändlermeinungen erfassen?
  • etc

Was kann gemessen werden?

  • Qualitativ: Beim einzelnen Leser z.B. „Wann hört er auf zu lesen?“ oder „Wann fängt er an zu überblättern?“
  • Quantitativ: Leser gesamt, z.B. Geschlecht, Alter, wie viele Leser lesen zu Ende (prozentual gut/schlecht)?
  • Gibt es inhaltliche Hürden, die zum Abbruch führen? …
  • Das Pre-screening kann als Entscheidungshilfe für „Einschätzungen“ dienen (fürs Lektorat, Marketing, Lizenzabteilung…)

Das kleine FAQ des PIPER – Marille-Tracking Projekts:

  • Also absolut spannend, mit Tracking – bekommen Autoren Feedback, bspw wo der Leser abbricht
  • Mit dem Tracking durch Jellybooks kann Piper auch neue Autoren testen. In der Testphase laufen allerdings zunächst Titel bereitsetablierter Autoren
  • InBook-Marketing – Tracking kann auch Conversion im Buch messen, also ob der leser zu empfohlen Bücher konvertiert

Es ist kein Projekt von „Spinnern“, ein überzeugender Werkstattbericht, der von den Anwesenden sofort mit dem Wunsch hinterlegt wurde, dass Susanne Schmitz und Kornelia Holzhausen beim nächsten eBookCamp von den Ergebnissen berichten möchten und es wurden spontan vom den Teilnehmern weitere Beispiel eingebracht für andere denkbare Anwendungsfälle, die sich durch die technischen Möglichkeiten von Jellybooks ergeben und Verlagen zukünftig Antworten liefern können.

Es ist ein Projektprojekt, – es geht in die richtige Richtung – weg von der „Datenhoheit & -Abhängig“ der Datenkrallen, hin zu Dinge-selbst-in-die-Hand-nehmen-und-verstehen …  

Der Sessionbericht ist zuerst auf Vedat Demirdövens Blog erschienen.


Sessionbericht: „E-Book Quo Vadis“

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Steffen Meier (c) privat

Steffen Meier
(c) privat

Steffen Meier: E-Book Quo Vadis? Von eNovels bis Flatrate, von Hanser Box bis Serial Box

Bericht von Sessionpatin Johanna Schaumann

Steffen Meier blickte in seiner Session auf die Veränderungen, Neuerungen oder Entwicklungen auf dem Ebookmarkt in den letzten 3 Jahren.

 

 

 

Sein Hauptaugenmerk ist dabei auf

  • Produktformen
  • Vertriebsformen
  • Mediennutzung
  • Prozesse in den Verlagen

gerichtet. Er kündigt 5 „Special-Guests“ mit Videobotschaften an.

1. Produktformen

Treiber für digitale Produktformen sind vor allem Hardware, Vertriebsplattformen, Markt/Kunde, Inhalte-Technologien (Enhancement), Responsive Content und Nutzergewohnheiten. 2012 sahen Ebooks in der Regel wie Printbücher aus, 2015 gibt es neuere, interessante und zielgruppengerechte Konzepte: z.B. Instagram Romane, Kurzgeschichten auf der Kleinanzeigenplattform Craigslist oder Kurzgeschichten auf Bons aus Automatendruckern etc.

ABER: Keines dieser neuen Konzepte hat die Reife für den Massenmarkt erreicht!

Weiterentwickelt wurden Konzepte im Bereich Social Reading und Socialwriting z.B. Wattpad oder „YourFry“ des Autors Stephen Fry und Penguin Books. Die Reichweite für die Produkte kann dabei entweder durch die Plattform oder Autor erreicht werden.

Die Hardware bestimmt immer mehr den Inhalt, z.B. „Books in Browsers“. Hier werden vor allem Webtechnologien genutzt und das W3C hat dieses Thema wieder aufgegriffen und stellt Standards auf. Als aktuelles Beispiel ist der Gewinner des Ebook-Awards 2015 Florian Schatzky vom Institut für digitales Lernen zu nennen.

Experimentiert wird im Kinderbuchbereich inzwischen umfangreicher mit Brückentechnologien wie Lesestift oder App, z. B. Leyo.

2. Vertriebsformen

Die Anzahl der Vertriebskanäle ist angestiegen und sie beeinflussen den Inhalt. Es gibt die klassischen Vertriebskanäle für den Verkauf der klassischen Ebooks. Epub3 hat zu wenig Vertriebskanäle um erfolgreich zu sein. 

Flatratemodelle wurden entwickelt, haben es aber noch schwer auf dem Markt.

Frisch auf dem Ebook-Markt ist „oolipo“ von Bastei Lübbe. Hier spricht man gerne von „Netflixierung von Content“ bzw. digitales Storytelling. Es ist eine klare, bewusste Abgrenzung zu dem klassischen Ebook.

Insgesamt hat der Kampf um die Aufmerksamkeit zugenommen.

Die Vielfalt der digitalen Touchpoints nimmt zu, von real existierenden Lösungen wie Wlan-Lösungen (Hanserboxspot) bis hin zu experimenten Lese- Kontaktlinsen.

3. Mediennutzung

Die Mediennutzung verändert sich ständig. Das „Lesen“ verändert sich, es ist nicht mehr in Beziehung zu Buch oder Verlagscontent, sondern es wird in der heutigen Zeit sehr viel auf unterschiedlichen Medien gelesen, auch Content, der nicht von Verlagen erstellt wird.

Stichworte sind hier „generation lesen“ versus „generation youtube“ oder „generation kodex“ versus „generation update“.

4. Prozesse in den Verlagen

Es gibt kaum Veränderungen, es werden definierte Produkte angeboten. Ein Wandel der Kette früher „Verlag – Content – Kunde“ zu „Verlag – Kunde – Content“. Die Veränderung ist systemimmanent, jedes Trägermedium ist ein Übergangsmedium.

Fazit

Nach dem Vortrag – der zum Nachdenken/Diskussion angeregt hat – gab es – zeitbedingt – eine kurze Diskussion zum Thema Produktentwicklung. Die Inhalte der Verlage haben sich kaum verändert, für neue Produktformen gibt es noch sehr viele technische Barrieren. Einigkeit besteht, dass die Bezahlprozesse einfacher und kundenfreundlicher werden müssen, das dürfte der nächste große Bigpoint für die Entwicklung sein.

In den Verlagen überwiegt der Wirtschaftlichkeitsgedanke und blockiert neue Produktformen, denn:

DIE ALTEN PRODUKTFORMEN FUNKTIONIEREN NOCH SEHR GUT- DIE NEUEN NOCH NICHT RICHTIG! => Warum dann eine Veränderung?

Videostatements

In den Vortrag eingestreut wurden Videostatements, die teilweise aus Zeitgründen gekürzt wurden oder ganz entfielen. Deswegen hier noch einmal in der Übersicht:

E-Book Quo Vadis? #ebookcamp 2015 Hamburg Videostatement: Florian Sochatzy 

E-Book Quo Vadis? #ebookcamp 2015 Hamburg Videostatement: Johannes Conrady COO 

E-Book Quo Vadis? #ebookcamp 2015 Hamburg Videostatement: Nikola Richter Mikrotext

E-Book Quo Vadis? #ebookcamp 2015 Hamburg Videostatement: Felix Sasaki 

E-Book Quo Vadis? #ebookcamp 2015 Hamburg Videostatement: Dominik Ziller, Verlagshaus Berlin

 

 


Sessionbericht: edel & electric: Wie gründet man einen Digitalverlag?

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Karla Paul
edel & electric. Oder: Wie gründet man einen Digitalverlag?

Sessionbericht der Session-Patin Julia Jochim

Karla Paul, edel & electric

Karla Paul, edel & electric

Karla Paul, seit Mai 2015 Verlegerin bei edel eBooks, referierte in dieser Session die vergangenen Monate, in denen sie neben der Weiterführung des vorhandenen Labels edel eBooks mit ihrem Team auch ein neues Digitallabel gegründet hat.

Das neue Label edel & electric grenzt sich deutlich vom bereits bestehenden Label „edel eBooks“ ab, wo bunte Unterhaltung geboten wird. Mit 750 lieferbaren Titeln zu günstigen Preisen wird eine breite Zielgruppe angesprochen, das Label konkurriert mit erfolgreichen Digitalverlagen wie z.B. dotbooks oder Lübbe.

„edel & electric“ wiederum verlegt ausgewählte Upmarket-Literatur im etwas höheren Preissegment von 4,99 € aufwärts. Verlegt werden Originalausgaben, die Förderung von Nachwuchsautoren ist ein Anliegen. Inhaltlich steht „edel & electric“ für „wild, politisch, konfliktbereit“, als Mitbewerber nennt Karla Paul z.B. „Heyne Hardcore“.

Das neue Label ist laut Karla Paul nicht nur ein Verlag, sondern ein Projekt, „denn wer weiß, ob Verlage überhaupt bleiben“ – das Projekt soll sich mit dem Markt mitbewegen und mitentwickeln. Das Ziel ist, frei und beweglich zu sein, „edel & wild“ ist das Selbstverständnis des Labels. Im Oktober sind vier Titel erschienen, weitere sollen im Dezember folgen.

Im Anschluss berichteten die einzelnen Mitarbeiter von Karla Pauls Team von ihrer täglichen Arbeit:

Projektmanager Christian Gogic ist verantwortlich für die Abwicklung der von Verlegerin Karla Paul ausgewählten Titel, von Kalkulation und Vertragsausstellung über Systempflege, Organisation von externen Lektoren und Korrektoren bis zu Konvertierung, Qualitätskontrolle und Auslieferung. Die Verwirklichung eines Titels ist laut Christian, wenn nötig, innerhalb von vier Wochen möglich.

Volontärin Mara Giese ist verantwortlich für Online-Marketing und Social Media, betreut die Verlagswebsite und den Verlags-Blog. Da die Website dynamisch sein sollte, entschied sich das Team für einen Blog, denn dieser ist als eigene Plattform im Gegensatz zu einem Facebookauftritt unabhängig und selbst bestimmbar: „In einem Blog kann der Verlag Expertenwissen deutlich machen“. Ziel ist es, zu informieren, einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen und Diskussionen anzustoßen. Es wird auf hohe Teilungs- und Verlinkungsraten gehofft. Eine wichtige Rolle spielt für Mara in diesem Zusammenhang SEO, damit der Blog auch gefunden wird. Ein Blog, so betonte sie, entsteht nicht nebenbei, sondern muss ein Arbeitsgebiet sein, für das Zeit zur Verfügung gestellt wird.

Presse- und Veranstaltungsfrau Laura Sonnefeld beschäftigt sich sowohl mit Marken- als auch mit Produkt-PR. Die Marken-PR spielte bei der Markteinführung eine große Rolle, da das neue Label für Kunden und Branche positioniert werden musste – es sollte bekannt werden als das Label, an das sich diejenigen wenden, die etwas Außergewöhnliches auf der Pfanne haben. Wichtig ist Laura die Verknüpfung von klassischer Pressearbeit und Social Media. Bei den Veranstaltungen müssen laut ihr neue Wege gegangen werden, da die typische „Wasserglaslesung“ mit Autor und Buch und Büchertisch für E-Books nicht sonderlich gut funktioniert. Geplant sind electric nights, ein neues Veranstaltungskonzept, in Kooperation mit ebooks.de.

Vertrieb- und Sales-Managerin Nadja Mortensen betreut alle wichtigen Key-Account-Shops, präsentiert und empfiehlt, und kümmert sich um Features auf den Startseiten, Promotions, Werbekostenzuschuss-Buchungen.


Sessionbericht: Eine gar nicht mal so hypothetische Fallstudie in Disruption

Ihr wollt wissen, was in den Sessions passiert ist, die ihr beim eBookCamp 2015 verpasst habt? Oder habt gleich das ganze Camp verpasst? Lest einfach hier nach! Wir veröffentlichen nach und nach die Eindrücke unserer Sessionpaten.

Jakob Jochmann
eprdctn: the indie book club. Eine gar nicht mal so hypothetische Fallstudie in Disruption

Sessionbericht des Session-Paten Georg Buss

Jakob Jochmann beim eBookCamp 2015

Jakob Jochmann stellt beim eBookCamp seine Session vor.

Die gut besuchte Session begann wie angekündigt mit einem Theorie-Teil, der in die Frage mündete, wie Disruption zu definieren sei. Die kniffelige Abgrenzung von Disruption und Innovation zog sich wie ein roter Faden durch die Session.

  1. Definition

Disruption will erklären, wie ressourcenschwache Unternehmen von unten die großen überholen können. Wie ist es Startups möglich, den nötigen Marktzugang zu bekommen?

Drei Voraussetzungen für gelungene Disruption v.a. von Unternehmen mit geringen Ressourcen:
1. Der Markt ist für Etablierte nicht interessant genug, z.B. wegen geringer Margen. Oder die Verteidigung der Marktposition ist aus diesen Gründen nicht attraktiv. Es können Kunden erreicht werden, die bisher nicht bedient wurden.
2. Das Geschäftsmodell muss neuartig sein und Gewinn abwerfen, ich muss damit Geld verdienen können.
3. Es muss eine neue und gleichzeitig verbesserungsfähige Technologie eingeführt werden, die dem Disruptor gehören muss.

  1. Diskussion

Daran schloss sich eine lebhafte, in den Details kontroverse Diskussion an. Anschaulich wurde der Gegenstand an den konkreten Beispielen.

Ist Car Sharing disruptiv? Ein neues Kundensegment wurde erschlossen – aber auch große Player sind dabei. Kann man dann noch von Disruption sprechen?

Disruption in der Buchbranche: Gibt es überhaupt Beispiele dafür? Ja, die Einführung des Taschenbuchs wäre ein gutes Beispiel (Anm.: Auch hier große Player im Spiel – zumindest im Rahmen der Branche). Einhelligkeit bestand darin, dass das E-Book keine Disruption darstellt, da keine neuen Leser gewonnen werden, sondern vielmehr Substitution zum Taschenbuch stattfindet. Aber Selfpublisher und besonders Gratisliteratur für Browser-Leser (Comics, Fan Fiction, Wattpad) sind relevante Beispiele für Disruption. Diese Angebote werden von den Verlagen nicht aufgenommen. Das Besondere ist zudem, dass hier keine Produkte verkauft werden, sondern eher Prozesse.
Statt Disruptions-Sprüngen ist Sustaining Innovation im Buchhandel häufig, also die Weiterentwicklung von bereits Bewährtem .

Über weitere Beispiele wurde diskutiert: Uber und Tesla. Beide galten unter den Teilnehmern nicht als disruptiv. Was aber dann? Eher Computer-Hardware oder noch viel mehr die Software, die sich enorm schnell entwickelt und enorm schnell arbeitet. Definition von Innovation = hebt Beschränkungen auf. Z.B. Software als Service, die Arbeitszeit ersetzt und billiger ist. Wann beginnt aber die Disruption? Beispiel Readbox: Das Unternehmen entwickelt sich weg vom Auslieferungsservice, hin zum Softwareentwickler. Ist das nun disruptiv oder einfach nur alternativlos?

Diskussion über Open Source: Open Source hat den Vorteil der Verbesserung durch Mitentwickler. Closed Source ist dagegen oft zu statisch. Open Source hilft eigene Ressourcen zu sparen und die eigene, neuartige Idee zu transportieren bzw. zu entwickeln. Disruption wurde noch einmal in anderen Worten definiert, nämlich als Chance, den Vorsprung der großen Player aufzuholen. Dafür wiederum sei Open Source alleine nicht mächtig genug.

Beispiel von Jakob Jochmann: Ein virtueller Bauchladen. Lediglich zwei E-Mail-Adressen sind nötig: von Verkäufer und Käufer. Das Produkt, hier das E-Book „Treasure Island“, konnte ohne Anlage eines Benutzerkontos erworben werden. Der Bezahlvorgang blieb bei der Simulation ausgespart. Das Beispiel sollte veranschaulichen, wie auf Basis einer primitiven Website, hinter der lediglich eine Excel-Tabelle steckt, ein Geschäftsmodell gestartet werden kann und Entwicklergelder eingetrieben werden können. Die Website wurden übrigens mit Open Source Technologie entwickelt. Ist das nun disruptiv? Ja, und zwar wenn neue Kunden, die das Produkt sonst nicht gekauft hätten, gewonnen werden konnten.

Aller Anfang sei einfach, z.B. durch den Versand von Literatur per E-Mail ein neues Geschäft starten. Eine wahrscheinlich immerwährende Frage: Wie kann die Sichtbarkeit für neue Ideen geschaffen werden? Wie findet die Verbreitung statt ohne die großen Spieler? Sind Handelssparten (vgl. Session der „Buchlichter“) eine Lösung? Damit schloss sich der Kreis zum Anfang, wo ja bereits auf die Schwierigkeit des Marktzugangs hingewiesen wurde.

Abschließend wurde konstatiert, dass klare Beispiele für Disruption in der Buchbranche schwer zu finden sind.

Hinweis zur Vertiefung: 30 Minuten Interview mit einem der Autoren der Theorie.

http://a16z.com/2015/10/28/what-disruption-theory-is-and-isnt/

Ruhm, Ehre und jede Menge Karmapunkte: Wir danken Georg Buss sehr herzlich für die Zusammenfassung der Session!